Einleitung: Die neue Seidenstraße

Systemkrise und Realitätsverlust
- Was haben wir aus der Geschichte gelernt?

von Helga Zepp-LaRouche, im Dezember 1997


Die "Kernschmelze" des Systems
Die tragische Generation

Spekulation ersetzt Produktion

Systemkrise - historische Wende

Der Ausweg aus der Krise

Wenn Sie diese Studie lesen, wird das internationale Finanzsystem von weiteren dramatischen Schockwellen erfaßt worden sein; soviel ist - bei einer Fortsetzung der gegenwärtigen Politik - sicher. Die Krise, die im Mai 1997 in Südostasien begann, sich in Wellen von Währungs- und Kursverlusten an allen Börsen weltweit fortsetzte und dann in den Bankenkrisen in Japan und Südkorea ihren erneuten Ausdruck fand, wird keinesfalls "eindämmbar" sein. Die Schockwellen, die von Asien ausgehen, werden alle wesentlichen Märkte in Europa und den USA erschüttern.

Diese Krise wird sich so lange massiv verschärfen und sogar auf den Punkt der völligen Desintegration des gesamten globalen Finanzsystems hinsteuern, bis die Regierungen, allen voran die US-Regierung, ihre Politik fundamental ändern und eine ordentliche Reorganisation des Weltfinanzsystems vornehmen. Vorläufig aber demonstrieren vor allem die Regierungen der G8-Staaten einen geradezu klinischen Grad von Realitätsverweigerung. Obwohl kein Zweifel daran bestehen kann, daß zumindest Schlüsselpersonen in allen Industrienationen den hoffnungslos bankrotten Zustand des Finanzsystems kennen, versucht man in geradezu schizophrener Weise die Lösung des Problems mit Methoden aus einer virtuellen Realität hinauszuschieben, die in der rauhen Wirklichkeit der Weltwirtschaft höchstens das Gegenteil bewirken.

Hätte Präsident Clinton seine Bemerkung auf der APEC-Konferenz Ende November in Vancouver, bei der Krise in Asien handele es sich nur um einen zeitweiligen "Ausrutscher" (glitch), vor einer Gruppe von Nachwuchs-Börsenhändlern gemacht, sie hätten ihm vielleicht geglaubt. Er sprach aber vor Staatschefs von Ländern, die nicht nur von Kursverlusten von bis zu 60% allein im Laufe des Jahres 1997 betroffen sind, sondern auch von einer sich verschärfenden Depression der realen Wirtschaft mit schrecklichen Konsequenzen für die Lebensumstände der Bevölkerung in ihren Nationen. Aber auch die Erklärung von Bundesfinanzminister Theo Waigel ("Ich befürchte nicht, daß sich solche Entwicklungen wie in Japan auch bei uns ereignen können", so in einem Interview am 30.11.97 mit n-tv) und die Äußerung von Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer am 14. November, die Vorgänge in Asien müßten "durchaus nicht negativ sein", zeigen, daß sich diese Herren geistig nicht in der realen Welt aufhalten.

Die Reaktion auf die ersten Bankenzusammenbrüche in Japan verdeutlichte, daß sich die internationalen Finanzautoritäten entschlossen haben, den Weg der hyperinflationären Geldmengenvermehrung in der Tradition von Weimardeutschland 1922/23 zu gehen. Allerdings wird es diesmal nicht fast zwei Jahre dauern, bis die Hyperinflation das Finanzsystem ad absurdum geführt haben wird. Denn die Einbrüche bei den Aktienmärkten werden nur der Auslöser einer Explosion/Implosion der mehr als 100 Billionen Dollar umfassenden Derivat-Spekulationsblase sein, wenn über die Termingeschäfte (futures contracts) der Prozeß in Gang kommt, den Prof. Bruno Gehrig vom Direktorium der Schweizer Zentralbank am 14. Oktober 1997 treffend als "Klumpenrisiko" bezeichnete - daß gravierende Verluste in einem Marktsegment schließlich auf alle anderen Marktsegmente übergreifen. Wenn dieser Fall eintritt, und dies kann praktisch jeden Augenblick geschehen, können die amerikanische Federal Reserve und die anderen Notenbanken gar nicht schnell genug Geld drucken, um die Kettenreaktion aufzuhalten.

Schon vor knapp drei Jahren, am 6. März 1995, hatte die Neue Zürcher Zeitung klargestellt, wie die Politik der Schweiz im Falle eines finanziellen "GAUs", einer "Kernschmelze" des Finanzsystems, aussehen werde: Wenn es darum ginge, nicht eine einzelne Bank, sondern das ganze System zu retten, würde die Schweizer Notenbank die Notenpresse ankurbeln und soviel Geld drucken wie nötig, ungeachtet der Inflation, die dadurch entstünde. Und am 9. März 1997 schrieb der Londoner Sunday Telegraph in einem Artikel mit der Überschrift "Der 55-Billionen-Derivat-Alptraum", daß es angesichts des bankrotten Zustands der völlig überschuldeten Staaten der Welt im Falle eines Kollapses der Derivat-Spekulationsblase gar keine andere Möglichkeit gebe, als die Notenpresse heiß laufen zu lassen. Der MIT-Professor Paul Krugman schlug in der Süddeutschen Zeitung vom 28.11.97 vor, die japanischen Zinsraten auf Null herunterzudrücken; und falls dies nicht ausreiche, solle die japanische Regierung Hubschrauber über Tokio fliegen und 100-Yen-Noten regnen lassen.

Die "Kernschmelze" des Systems

Der entscheidende Unterschied zu Weimar 1922/23 liegt natürlich darin, daß es heute nicht nur ein Land ist, in dem die Spekulation die Produktion realer Güter um einige Größenordnungen übersteigt, sondern das gesamte globalisierte Finanzsystem. Es gibt keinen Punkt außerhalb des Systems, von dem ein wie auch immer gearteter "Dawes-Plan" ausgehen könnte.

Wenn also die internationalen Finanzautoritäten den gleichen Fehler machten wie damals Finanzminister Hilferding, wären die Konsequenzen weitaus katastrophaler. Was aus weltweiten "albanischen Verhältnissen" folgte, kann man nur als eine zivilisatorische Krise beschreiben; nicht eine der heute existierenden Institutionen würde sie überleben.

Bisher hat sich keine Regierung mit der Dimension der Krise auseinandergesetzt, geschweige denn Vorbereitungen getroffen, um Schaden von der Bevölkerung abzuwenden, wofür sie laut Verfassung die Verantwortung übernommen haben. Eines aber ist gewiß - wenn der Prophet nicht zum Berg geht, wird der Berg zum Propheten kommen. Und dies wird schon in sehr kurzer Zeit geschehen. Die entscheidende Frage ist: Werden die Regierungen und führenden Institutionen dann Überlebensinstinkt beweisen?

Die tragische Generation

Einige derselben "Experten", die noch bis vor kurzem etwa Malaysia oder die Tschechische Republik als leuchtende Beispiele für die IWF-Reformpolitik hochhielten und die Existenz der Krise völlig leugneten, beeilen sich jetzt, auf angebliche Parallelen zur Weltwirtschaftskrise von 1929-1933 hinzuweisen. Es handelt sich heute aber um ein fundamental andersartiges Problem. Die gegenwärtige Weltfinanz- und Wirtschaftskrise wurde nicht etwa durch Probleme verursacht, die erst in diesem Jahr entstanden wären, sondern durch eine sehr lange Serie systematischer Fehlentscheidungen während der letzten 30 Jahre. Der gegenwärtige Kollaps ist das Resultat des Paradigmawandels, den wir in Westeuropa mit der "68er-Generation" verbinden, die in der Tat erfolgreich den "langen Marsch durch die Institutionen" angetreten hat, so daß ihre Vertreter heute in führenden Positionen der Gesellschaft sitzen. In den USA ist das gleiche Phänomen mit dem Begriff der "Babyboomer-Generation" assoziiert.

Der Auslöser für diesen in den 60er Jahren in Gang gesetzten Paradigmawandel war die Auffassung des Establishments der Jalta-Mächte, die Kuba-Krise habe bewiesen, daß der große Krieg zwischen den Supermächten nicht stattfinden werde und mit den Abrüstungsverhandlungen im Stile der Pugwash-Konferenz ein Mechanismus gefunden sei, zur alten Doktrin des "Machtgleichgewichts" und Krisenmanagements zurückzukehren. Insbesondere nach der Ermordung von Präsident John F. Kennedy setzte sich im angloamerikanischen Establishment die Meinung durch, man könne sich von jetzt ab den Luxus der utopischen "nachindustriellen Gesellschaft" leisten, weil nunmehr der wissenschaftliche und technologische Fortschritt auch im militärischen Bereich in das Abrüstungskorsett eingebunden wäre.

Bereits 1963 lancierte Dr. Alexander King in seiner Eigenschaft als Wissenschaftsdirektor der OECD in Paris einen Großangriff auf das, was in der Nachkriegszeit noch vom Humboldtschen Erziehungssystem zumindest in Deutschland übriggeblieben war, und erarbeitete Richtlinien, die dann in allen OECD-Ländern durchgesetzt wurden. In Deutschland nahm dies die Form der "Brandtschen Erziehungsreform" an, deren erklärtes Ziel es war, den "Bildungsballast der letzten 2500 Jahre" aus dem Fenster zu werfen. Der Zweck des Humboldtschen Bildungsideals war es aber gerade gewesen, die charakterliche Schönheit der Schüler zu befördern und sie zu Staatsbürgern zu erziehen. Entsprechend war das Resultat der "Brandt-Reformen", daß die Generationen, die seitdem das Schulsystem durchlaufen haben, ein ganz anderes Selbstverständnis vermittelt bekamen und statt einer Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl nun die "Selbstverwirklichung" ihres eigenen Egos und die Befriedigung "ihrer Bedürfnisse" als höchsten Wert betrachteten.

Das Hauptproblem der Generation, die heute mehrheitlich in Politik und Management des Sagen hat, besteht darin, daß sie von den Vorstellungen der "68er-Revolution" konditioniert worden ist, welche ja gerade gegen alles gerichtet war, was an der Nachkriegsgeschichte in Deutschland positiv war. Damit hat man die Prinzipien aufgegeben, die dem Wiederaufbau und dem "Wirtschaftswunder" zugrundelagen, also etwa die Idee des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts und eine noch weitgehend an Humboldt orientierte Erziehungspolitik.

Es hat schon einen Hauch von historischer Ironie, daß Bundesbildungsminister Rüttgers gewissermaßen am Vorabend des Ausbruchs der neuen Studentenproteste davon sprach, das Humboldtsche Bildungssystem sei überholt, weil es Bestandteil der Industriegesellschaft gewesen sei, während sich die Ausbildung heute an den Erfordernissen des "Informationszeitalters" orientieren müsse. Schon vor einigen Jahren hatte der ehemalige Herausgeber der Londoner Times, Lord William Rees-Mogg, die oligarchische Position vertreten, in der "Informationsgesellschaft" könne alles notwendige neue Wissen von nur 5% der Bevölkerung produziert werden, und demnach lohne sich eine umfassende Bildung für die verbleibenden 95% nicht mehr. Und siehe da, dies ist auch die Richtung, in die das neue Hochschulgesetz weist, gegen das sich die neuen Studentenproteste richten.

Eine weitere Ironie liegt darin, daß hier, während China sich längst und gründlich von den wirren Vorstellungen der "Kulturrevolution" der Jahre 1966-76 abgewandt hat, die Generation, die bei uns den "langen Marsch durch die Institutionen" angetreten hat, praktisch immer noch den Axiomen der maoistischen Ideologie anhängt. Dazu gehört nicht zuletzt die Technikfeindlichkeit als Hauptbestandteil jener ökologischen Geistesvernebelung, an der alle im Bundestag vertretenen Parteien leiden. Die lange Liste der verabschiedeten investitionsblockierenden Gesetze spricht dafür Bände und kann im Ausland kaum nachvollzogen werden.

Das schwerwiegendste Element des Paradigmawandels der letzten 30 Jahre war der vielschichtige Angriff auf die Vernunft, auf die Wißbarkeit der Naturgesetze und Intelligibilität der Wahrheit - und damit auf die Grundidee des von der griechischen Klassik geprägten Christentums, also die Grundfeste unserer abendländischen Kultur. Je nach sozialer Zielgruppe spielte sich dieser Angriff auf einer anderen ideologischen Ebene ab; der Effekt, die Zerstörung der Vernunft, blieb aber der gleiche.

Symptomatisch für den Kult der Irrationalität ist, welch signifikante Rolle Autoren wie Nietzsche, Heidegger oder die Vertreter der "Frankfurter Schule" in den philosophischen Fakultäten der Universitäten spielen. Nietzsches Haß auf die sokratische Vernunft, auf Schiller, Humboldt und Beethoven ist Legende, und Heideggers Postulat der "Geworfenheit" des Individuums in eine willkürliche Welt führt geradewegs in die fauligsten Moraste des Existentialismus und Nihilismus. Aber auch der von der Frankfurter Schule angerichtete Schaden ist beachtlich. Wenn jeder, der in seinem ganzen intellektuellen Streben die Wahrheit sucht, als "autoritäre Persönlichkeit" abgestempelt wird, dann ist das Ergebnis eben jener seichte radikale Nominalismus, der heute das Denken der "Enkel" und der subalternen Bankangestellten bestimmt. Wenn es keine Wahrheit geben darf, dann hat jeder seine persönliche maßgeschneiderte Wahrheit, die letztlich nur dazu dient, die nach außen gekehrten Ellenbogen zu rechtfertigen.

Dem radikalen Nominalismus und Existentialismus entsprechen die linearen Computermodelle für die virtuelle Welt der Börsenmärkte. Das besondere Charakteristikum der 68er-Generation ist es denn auch, daß ihre Vertreter von der Nationalökonomie - der Produktion realer Güter, die notwendig sind, um die Bevölkerung zu ernähren und zu versorgen - nicht die geringste Ahnung haben: Die reale Wirtschaft läßt sich mit linearen Modellen nicht erfassen.

Wie fundamental der Wertewandel war, wird etwa deutlich, wenn man die industriekapitalistischen Auffassungen von Persönlichkeiten wie Hermann Josef Abs, Jürgen Ponto oder Alfred Herrhausen mit den skrupellosen Praktiken des neuen Typus von Investmentbankern und Managern vergleicht, die in der Spekulation die effizientere Weise sehen, das schnelle Geld zu machen und eine ganze Kultur von "shareholder values" gezüchtet haben. Das Lebensmotto dieser Generation heißt Après nous, le déluge!; sie kann es sich gar nicht vorstellen, daß ihrem Lebensstil schon bald die Grundlage entzogen sein könnte. "Ein Systemkollaps? Niemals! Seht, die Märkte erholen sich schon wieder", so lautet die typische Selbsttäuschung dieser Spezies.

Wenn man dann noch den sukzessiven Effekt der "Rock-Sex-Drogen-Gegenkultur" auf die verschiedenen Jahrgänge berücksichtigt, d.h. den permanenten Angriff auf die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen, dann kommt man zu dem unangenehmen Schluß, daß dieser Paradigmawandel der letzten 30 Jahre zu einer fortschreitenden Verdummung eines großen Teils der Bevölkerung geführt hat.

Spekulation ersetzt Produktion

Der kulturelle Paradigmawandel hat sein Pendant in den aufeinanderfolgenden Fehlentscheidungen auf währungs- und finanzpolitischem Gebiet, die sich leicht identifizieren lassen. Wesentliche Schritte der neoliberalen Deregulierung der Märkte waren zunächst die Abkopplung des Dollars von der Golddeckung am 15. August 1971, die Schaffung des Eurodollarmarktes und die Freigabe der Wechselkurse. Mitte der 70er Jahre war der Gedanke, die Länder des Entwicklungssektors zu industrialisieren, wie man ihn noch in der "Zweiten Entwicklungsdekade der Vereinten Nationen" unter UNO-Generalsekretär U Thant verfolgt hatte, vollständig aufgegeben worden. Die einsetzende Verschärfung der Kreditbedingungen des IWF reflektierte vielmehr die Ansicht von Geopolitikern wie Henry Kissinger und Zbigniew Brzezinski, daß ein "neues Japan" in der sogenannten Dritten Welt um jeden Preis verhindert werden müsse.

Mit der Amtsübernahme durch die Regierung Carter und ihrem in der Studie Projekt der 80er Jahre ausgedrückten Programm der "kontrollierten Desintegration der Weltwirtschaft" wurde noch verstärkt das Ziel verfolgt, neue "merkantilistische Tendenzen" im Entwicklungssektor zu verhindern. Die direkte Konsequenz dieser angloamerikanischen Vorgabe, wozu auch Paul Volckers Hochzinspolitik gehörte, war die systematische Zerstörung der traditionellen Absatzmärkte stark exportabhängiger Nationen wie der Bundesrepublik Deutschland.

"Reaganomics" und "Thatcherismus" stellten die Weichen noch ein weiteres Mal weg von der Produktion hin zur Spekulation, was sich u.a. in Phänomenen wie den "Ramschanleihen" (junk bonds) und den "feindlichen Firmenübernahmen" der 80er Jahre äußerte. Bekanntermaßen führte der Börsenkrach vom Oktober 1987 nicht zu der Erkenntnis, daß man zu gesünderen Prinzipien der Wirtschaft zurückkehren müsse, vielmehr begann nun die "Kasino-Wirtschaft" erst recht zu wuchern. Derivatgeschäfte als "reguläre" außerbilanzliche Operationen führten ein von der realen Wirtschaft beinahe vollkommen abgekoppeltes Eigenleben; Industrieunternehmen, ja selbst Regierungen und Kommunalverwaltungen nutzten zunehmend die neuen "kreativen Finanzinstrumente".

Gleichzeitig vernebelte die Logik der angeblich unumkehrbaren "Globalisierung" den Blick dafür, daß mit dem "Outsourcing", d.h. der Verlagerung von Produktion in sogenannte Billiglohnländer, lebenswichtige Industrien zerstört wurden. Die Börsenmaklergeneration argumentierte gegen so "altmodische" Bedenken wie die Frage der nationalen Sicherheit, es sei eben viel lukrativer, billige Konsumgüter zu importieren. Und da sie mit diesem System in der Tat schnell reicher wurden, interessierten sie sich wenig für die ökonomischen Realitäten - daß z.B. gemessen an dem für die Versorgung einer Familie notwendigen Warenkorb der Lebensstandard in den USA heute nur noch etwa halb so hoch ist wie vor 25 Jahren und daß in der vielgepriesenen Dienstleistungsgesellschaft viele Menschen zwei oder drei Jobs brauchen, um ein Auskommen zu haben.

Systemkrise - historische Wende

Die neoliberale Deregulierung der Weltwirtschaft und der Paradigmawandel auf kulturellem Gebiet waren also eng miteinander verknüpft, und deshalb handelt es sich bei der gegenwärtigen internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise nicht um eine "zyklische Wirtschaftskrise" wie 1929-33, sondern um eine sich seit über 30 Jahren auftürmende Systemkrise, die in einer zivilisatorischen Katastrophe zu enden droht.

Wir sind jetzt an einer historischen Wende angelangt, die in ihrer Dimension über den Zusammenbruch der Sowjetunion weit hinausgeht. Ob die Zivilisation überlebt, hängt von der Lösung eines ungewöhnlichen Paradoxons ab: Kann eine Generation, die sogenannte 68er-Generation, die systematisch dazu herangezogen wurde, ihre eigene Gesellschaft zu zerstören, im Moment der existentiellen Krise ihre offensichtlich als falsch erwiesenen Grundannahmen korrigieren? Hat diese Generation einen genügend starken Überlebenswillen, um ihr Verhalten grundlegend zu ändern?

Das Problem, das sich heute den in führenden Positionen in Politik und Wirtschaft sitzenden Vertretern der 68er-Generation stellt, gleicht dem eines Helden in einer klassischen Tragödie: Werden sich die Akteure, wenn der punctum saliens erreicht ist - der Punkt, an dem das Schicksal ihnen die Entscheidung noch ein letztes Mal überläßt - , für die neue Lösung entscheiden, die das Unheil abwendet, oder sind sie unfähig, sich von den Axiomen des Denkens zu lösen, die zur Krise hingeführt haben?

Bis jetzt suchen die Verantwortlichen ganz offensichtlich noch nach "schmerzlosen" Lösungen; doch die gibt es nicht. Die Lage wird sich so lange rapide verschlechtern, bis sie zur wirklichen Veränderung ihrer Grundannahmen bereit sind. Der Preis, der für das Überleben bezahlt werden muß, ist das Eingeständnis und die Korrektur der eigenen Fehler.

Der Ausweg aus der Krise

In dem Augenblick, in dem die Desintegration des globalen Finanzsystems einen unerträglichen Grad erreicht hat, muß Präsident Clinton einen Notstandsgipfel einberufen, zu dem er die wichtigsten Staatschefs, vor allem den chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemin einlädt. Ergebnis dieses Notstandstreffens muß die Erklärung sein, daß das alte Finanzsystem bankrott ist und durch ein neues System - "Bretton Woods II" - ersetzt wird. Dabei muß das Bankensystem eine dem Industriekapitalismus dienende Rolle einnehmen und sich auf die Tradition von Alexander Hamilton, Friedrich List, Henry Carey und Franklin Delano Roosevelt sowie der Kreditanstalt für Wiederaufbau stützen.

Der Ausbau der Eurasischen Landbrücke ist der offensichtliche Rahmen, an dem sich das Rekonstruktionsprogramm orientieren muß. Wenn die souveränen nationalen Regierungen die entsprechenden am Gemeinwohl orientierten Rahmenbedingungen stecken, d.h. über Nationalbanken die nötigen projektgebundenen Kredite für den Ausbau der erforderlichen eurasischen Infrastrukturmaßnahmen bereitstellen (integrierte Schnellbahnen, Wasserwege, Autobahnen, Energieerzeugungs- und -verteilungssysteme, Kommunikationssysteme usw.), dann wird die Produktion dramatisch angekurbelt, und es kann sehr schnell produktive Vollbeschäftigung erreicht werden.

Im Rahmen dieses neuen Systems der physischen Ökonomie wird sich schnell erweisen, daß vor allem Westeuropa über die Schlüsseltechnologien verfügt, die z.B. Asien und Osteuropa bei der Überwindung ihrer derzeitigen ökonomischen Engpässe brauchen. Dann werden die für die Weltwirtschaft so kostbaren mittelständischen Betriebe im Werkzeugmaschinenbau nicht länger Kapazitäten abbauen, wie in den letzten Jahren geschehen, sondern die Modernisierungsaufgaben übernehmen, die z.B. in den staatlichen Unternehmen in China oder Rußland dringend erforderlich sind.

Wenn die Infrastrukturwege in Eurasien, Afrika und Lateinamerika zu sogenannten "Entwicklungskorridoren" ausgebaut werden und die Entwicklung in den bisher unter- bzw. nichtentwickelten Regionen der Welt Einzug hält, dann entstehen für unsere nach wie vor exportabhängige Wirtschaft wieder wachsende Absatzmärkte mit reicher werdenden Kunden.

Die Alternative zur Globalisierung ist eine gerechte neue Weltwirtschaftsordnung. Das Gebot der Stunde ist nicht der geopolitische Konkurrenzkampf z.B. um die Öl- und Erdgasvorkommen am Kaspischen Meer, sondern die bestmögliche Verwendung der Einnahmen aus diesen Ressourcen zur Höherqualifizierung der Arbeitskräfte und zur Erhöhung der Produktivität. Mit anderen Worten: Wir müssen die Prinzipien, die seinerzeit bei der Industrialisierung Europas angewandt wurden, auf der ganzen Welt zur Wirkung kommen lassen.

Die Krise wird nur dann überwunden werden, wenn genügend Personen in verantwortlichen Positionen ihre bisherige Realitätsverweigerung aufgeben und die Entscheidungen und Denkschemata korrigieren, die in den letzten 30 Jahren in die falsche Richtung gelaufen sind. Soviel ist sicher: Der Berg wird zum Propheten kommen! Dieser Bericht beschreibt das Aufgabenfeld für die Zeit nach der Reorganisation des Weltfinanzsystems.

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