Vorwort zur EIR-Studie: Die neue Industriegesellschaft

Der Maschinenbau: Die Grundlage wirtschaftlicher Entwicklung

von Michael Liebig, im Mai 1997


Ein großes Mißverständnis
Wissen, Können und Initiativgeist

Maschinenbau und Bildungssystem

Ferdinand Redtenbacher

Das "amerikanische System"

Die Knappheit der Maschinenbaukapazitäten in der Weltwirtschaft

Die Systemkrise der Weltfinanzstrukturen

"Flickschusterei" verschärft die Systemkrise

Die Grundlagen einer "neuen Wirtschaftspolitik"

Optionen für Notstandsmaßnahmen bei einer finanziellen Systemkrise

Schlußbemerkung

In dem vorliegenden EIRNA-Sonderbericht wird die zentrale Bedeutung der Maschinenbausektors auf volkswirtschaftlicher und weltwirtschaftlicher Ebene beleuchtet. Zugleich werden die Bildungsstrategien aufgezeigt, die die unabdingbare Voraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung des Maschinenbaus sind. In jeder fortgeschrittenen Volkswirtschaft ist der Maschinenbau sozusagen die "Mutterproduktion", in der die technischen Anlagen und Werkzeugmaschinen gefertigt werden, mit denen dann die Endprodukte aller Produktionsbereiche hergestellt werden können. Eine Schrumpfung des personellen und technischen Produktionspotentials im Maschinenbau muß deshalb nachhaltige negative Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft haben. Genau vor dieser Situation - der Erosion des Maschinenbausektors - stehen wir heute in Deutschland. Noch befindet sich in Deutschland ein bedeutender Anteil des weltweiten Maschinenbaupotentials, und deshalb führt der hiesige Erosionstrend auch zu gefährlichen weltwirtschaftlichen Konsequenzen. Wir belegen in dieser EIRNA-Studie, daß es - gemessen an den weltwirtschaftlichen Produktionserfordernissen - eine gravierende Knappheit bei den personellen und technischen Kapazitäten des Maschinenbaus gibt.

Ein großes Mißverständnis

Kürzlich interviewte das Magazin Wirtschaftswoche Berthold Leibinger, den ehemaligen Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) und derzeitigen Chef des Weltmarktführers bei Industrielasern Trumpf GmbH & Co. Leibinger wurde gefragt, ob der Maschinenbau im Vergleich zu Wirtschaftssektoren wie Telekommunikation, Gentechnologie und Dienstleistungen nicht eine "Branche ohne Zukunft" sei. Seine Antwort: "Ganz im Gegenteil - Sie artikulieren ein offenbar großes Mißverständnis einer breiten Öffentlichkeit. Maschinenbau ist doch nicht Stahl und Eisen und schmierige Zahnräder, sondern der Maschinenbau ist die faszinierende Verknüpfung von Technologien. Wir steuern unsere Maschinen elektronisch. Wir wenden neue Werkzeuge an wie den Laser. Wir nutzen Werkstoffe, die Stahl ersetzen. Der Maschinenbau nimmt eine Vorreiterrolle im technischen Fortschritt ein, den eine Volkswirtschaft so dringend benötigt. Vor allem eine so hochentwickelte Industrienation wie die deutsche."

Auf die Frage nach dem angeblich unvermeidlichen "Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft" betonte Leibinger, daß "der Wohlstand eines großen Landes in der Produktion von Gütern begründet bleibt". Aber "wir leben bald in einer virtuellen Welt", wird ihm entgegengehalten. Leibinger: "Widerspruch. Wir werden immer in einer dinglichen Welt leben, fassen Material und Werkzeug an. Wir müssen, wenn wir Maschinen bauen wollen, auch wesentliche Teile der Fertigung in Deutschland bewahren und behalten... Wenn man sich fragt, womit Deutschland zur Entwicklung der Weltwirtschaft beitragen kann, dann muß man antworten: Der Maschinenbau ist eine geradezu ideale Branche."

Obgleich Leibinger eigentlich nur Selbstverständliches sagt, ist dieses "Selbstverständliche" angesichts der inzwischen in Deutschland vorherrschenden Wirtschaftsideologie bereits wieder zu etwas Außergewöhnlichem geworden. Die Fragestellungen der Wirtschaftsjournalisten offenbaren einen der Kernpunkte dieser Wirtschaftsideologie: das utopische Konstrukt der globalisierten, postindustriellen und virtuellen Dienstleistungswirtschaft".

Diese das Wirtschaftsleben durchdringende Ideologie und die von ihr immer mehr beeinflußte staatliche Wirtschaftspolitik hat in den Vereinigten Staaten und Deutschland - den beiden Ländern, die in den letzten hundert Jahren vor allen anderen die Entwicklung des Maschinenbaus vorangebracht haben - zu verheerende Auswirkungen geführt. Das gilt nicht nur für den Maschinenbausektor an sich, sondern für die gesamte realwirtschaftliche Basis dieser beiden Volkswirtschaften. Und das wiederum hat, wegen des Gewichts beider Volkswirtschaften, schlimme Auswirkungen für die Weltwirtschaft.

Wissen, Können und Initiativgeist

In den 80er Jahren kam es zu einem regelrechten Kahlschlag im amerikanischen Maschinenbausektor, der zu einer dramatischen Importabhängigkeit der USA bei Werkzeugmaschinen führte. Es deutet leider vieles darauf hin, daß Deutschland in den 90er Jahren einen ähnlichen verhängnisvollen Weg beschreitet. Der Beitrag Lothar Komps in dieser Studie belegt an Hand der Zahlen über den Beschäftigungsabbau und die Firmenschließungen das Ausmaß der Schrumpfung - neudeutsch "downsizing" - des Maschinenbausektors in Deutschland.

Wie für alle technisch anspruchsvolle Produktion gilt für den Maschinenbau, daß man Produktionskapazität nicht ungestraft "abbauen" kann, um sie dann später - aus welchen Gründen auch immer - wieder "anzufahren". Im Maschinenbausektor konzentrieren sich Wissen, Können und Erfahrung, die in Jahrzehnten erworben wurden. Schneller technischer Wandel steht dazu nicht etwa im Widerspruch, sondern vielmehr sind dieses Wissen, Können und Erfahrung die unabdingbare Voraussetzung für die schöpferische und unternehmerische Initiative, die gerade für den Maschinenbau typisch ist. Hier geht es um eingespielte Teams von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Facharbeitern und Unternehmerpersönlichkeiten mit ihrem charakteristischen Initiativgeist, wofür die mittelständischen Maschinenbaubetriebe Deutschlands weltweites Ansehen genießen. Im mittelständischen Maschinenbau wird nicht "billig" produziert und in der Regel auch nicht der kurzfristigen Profitmaximierung die Priorität gegeben. Aber gerade deshalb ist der mittelständische Maschinenbau so "flexibel" und für den technischen Fortschritt so aufnahmebereit.

Aber der Druck auf den mittelständischen Maschinenbau wächst, dem Buchhalterischen und der rein finanziellen Kalkulation gegenüber der technologisch-unternehmerischen Leistung den Vorrang einzuräumen. Wenn es die Wirtschaftspolitik eines Staates zuläßt, daß aus kurzfristigen und kurzsichtigen Finanzerwägungen eine wachsende Zahl von Maschinenbaubetrieben liquidiert werden, dann "sterben" im wörtlichen Sinne "lebenswichtige Organe" der Volkswirtschaft. Selbst wenn man sich zu einem späteren Zeitpunkt des selbstverschuldeten Verlustes dieser Produktionskapazitäten im Maschinenbau bewußt werden sollte, so würde ihre schnelle Wiederherstellung auch bei hohem Finanzeinsatz nicht mehr möglich sein.

Maschinenbau und Bildungssystem

Gerade im Maschinenbau offenbart sich ganz unmittelbar das, was der eigentliche Ursprung aller erfolgreichen Wirtschaftsentwicklung ist: Geisteskapital, ein Begriff, der von Friedrich List stammt. Der amerikanische Ökonom Lyndon LaRouche spricht von der "nichtmateriellen geistigen Schöpferleistung" als "der Zweckursache der materiellen Produktion". Der Begriff des "Geisteskapitals" umfaßt nicht nur Wissen, Können, Erfahrung, Team- und Initiativgeist der unmittelbar und mittelbar im Maschinenbau beschäftigten Arbeitskräfte. Das in einer Volkswirtschaft verfügbare "Geisteskapital" wird entscheidend vom Erziehungs- und Bildungssystem bestimmt. LaRouche spricht davon, daß "qualitative Wissensdurchbrüche von Individuen" durch das Bildungssystem verallgemeinert und nachvollzogen werden, um dann durch Anwendung im Produktionsprozeß mit immer höherem Wirkungsgrad die Beherrschung der Natur zu steigern, so daß die angemessene Existenzsicherung von immer mehr Menschen möglich wird.

Wenn man dies berücksichtigt, so verwundert es nicht, daß in der Wirtschaftsgeschichte gerade die Vereinigten Staaten und Deutschland die Pioniere des Maschinenbaus gewesen sind. Das allgemeine Bildungsniveau und der durchschnittliche Lebensstandard waren in Amerika während des ganzen 19. Jahrhunderts dem in Großbritannien bei weitem überlegen. Es war Friedrich List, der dies während seines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten von 1824 bis 1832 klar erkannte. Das relativ hohe durchschnittliche Qualifikationsniveau in den USA führte zur Herausbildung eines großen Potentials von Technikern und Facharbeitern, das die Voraussetzung für eine Maschinenbauproduktion im großen Stil bildete. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die USA - nicht etwa Großbritannien - der weltgrößte Maschinenbauproduzent. Die in dieser Studie wiedergegebenen diesbezüglichen Berichte der deutschen Pioniere des Maschinenbaus, die während der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts die USA besuchten, unterstreichen diese Feststellung genauso wie das enorme Importvolumen von amerikanischen Maschinenbauerzeugnissen nach Deutschland in diesem Zeitraum.

Es gehört zu den großen Mythen der Wirtschaftsgeschichte, daß Großbritannien das "Mutterland" und Adam Smith der "geistige Vater" der industriellen Revolution gewesen seien. Als Adam Smith 1776 sein Hauptwerk Vom Reichtum der Nationen veröffentlichte, war James Watts Dampfmaschine bereits sieben Jahre einsatzfähig. Aber über diesen technologischen Durchbruch, diese Basistechnologie der industriellen Revolution, verliert Adam Smith kein Wort! Ganz im Gegenteil, Smith spricht sich ganz ausdrücklich gegen die technischen Neuerungen aus, weil neue Maschinen zu "teuer" und deshalb "profitmindernd" seien. Statt dessen empfiehlt Smith ausdrücklich den vermehrten Einsatz "einfacher [manueller] Werkzeuge" und billiger Handarbeit. Smiths Ignoranz in den grundlegenden technischen Fragen ist um so eklatanter, als bereits zu Ende des 17. Jahrhunderts Gottfried Wilhelm Leibniz erkannt hatte, daß unter den damaligen Produktionsbedingungen die wirtschaftliche Weiterentwicklung nur möglich sein würde, wenn Thermo-Kraftmaschinen zum Einsatz kämen. Leibniz, der mit dem Konstrukteur des Prototyps der Dampfmaschine Denis Papin korrespondierte, erkannte, daß lediglich auf der Grundlage von menschlicher - und tierischer - Muskelkraft, Wind- und Wasserkraft weiteres Wirtschafts- und Produktivitätswachstum unmöglich sei. Nur der Einsatz einer Kraftmaschine könnte den Wirkungsgrad bei der Produktion in Manufakturen oder Bergwerken entscheidend steigern, schrieb Leibniz bereits in seinen ökonomisch-politischen Aufsätzen zwischen 1669 und 1771.

Leibniz ist als der Begründer der Theorie der physikalischen Ökonomie anzusehen. Sein wirtschaftstheoretisches Verständnis geht weit über die Wirtschaftstheorie und -politik des Kameralismus/Merkantilismus hinaus. In der ideengeschichtlichen Tradition von Leibniz steht die erste technische Lehranstalt in Deutschland, die Bergakademie Freiberg in Sachsen, die in Karl-Michael Vitts Aufsatz in dieser Studie behandelt wird. In Freiberg wurde die Grundlage zur Entstehung und Blüte der Technischen Hochschulen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert gelegt. Daneben ist noch der Einfluß der Ecole Polytechnique in Paris auf die Herausbildung der deutschen Technischen Hochschulen hervorzuheben.

Ferdinand Redtenbacher

Der Aufstieg des deutschen Maschinenbaus zur Weltgeltung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ohne die Technischen Hochschulen überhaupt nicht denkbar. Die symbiotische Entwicklung der Technischen Hochschulen und des Maschinenbaus in Deutschland wird von zwei herausragenden Persönlichkeiten repräsentiert: Ferdinand Redtenbacher und Franz Reuleaux, die über Jahrzehnte an den Technischen Hochschulen in Karlsruhe bzw. Berlin wirkten.

Über Redtenbacher schreibt der große deutsche Historiker Franz Schnabel:

Daß es dem deutschen Maschinenbau so schnell gelang, die britische Konkurrenz qualitativ und quantitativ zu überflügeln, ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß in Deutschland der Maschinenbau auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt wurde. Die britische Tradition des Maschinenbaus war bis in das späte 19. Jahrhundert hinein hauptsächlich von fast reiner Empirie bestimmt. Bereits Bekanntes wurde in der Kombination von "Tüftelei" und "Trial & Error"-Methode inkremental fortgeführt, erweitert und verbessert. Das ist etwas ganz anderes als die wissenschaftliche präzise Umsetzung von geistigen Entwürfen in der Neukonstruktion einer Maschine. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in Deutschland - und den Vereinigten Staaten - eine Vielzahl völlig neuer, nie dagewesener technischer Verfahren, Maschinen und Werkzeuge entwickelt, aus denen völlig neue Industriezweige entstanden, beispielsweise die Chemie- und Elektroindustrie oder der Fahrzeugbau.

Die mangelnde Fähigkeit des physikalisch präzisen Vorkonstruierens von Werkzeugen und Maschinen war der Tatsache geschuldet, daß es bis Ende des 19. Jahrhunderts praktische keine höheren technischen Lehranstalten in Großbritannien gab, die erst unter dem Eindruck der deutschen und amerikanischen Industrie-Erfolge eingerichtet wurden. Dem Historiker Schnabel ist zuzustimmen, wenn er schreibt: "So ist der Maschinenbau als eine wissenschaftlich begründete, selbständige Kunst in der Tat deutschen Ursprungs, von Redtenbacher geschaffen."

Es sei hier betont, daß Redtenbacher und Reuleaux keine "technischen Akademiker" im engen Sinne waren, sie waren vielmehr auf vielfältige Weise "Organisatoren": in der Wissenschaft, in der Gestaltung der Lehre, in der wirtschaftlich-technischen Praxis und in der Wirtschaftspolitik im weitesten Sinne. Es ist ein Anlaß für Hoffnung, daß es, wenn auch ganz vereinzelt, diesen Typus des "Organisators", der über sein Fachgebiet hinaus wirkt, auch heute noch in Deutschland gibt. Es sei auch darauf hingewiesen, daß, wie Schnabel schrieb, Redtenbacher darauf hinarbeitete, daß der angehende Maschinenbau-Ingenieur "alle seine Kräfte entwickeln" sollte. Diese Forderung nach Bildungsbreite für die Maschinenbauer hat Elisabeth Hellenbroich in ihrem Aufsatz in dieser Studie thematisiert. Sie belegt, daß die Ausbildung an den Technischen Hochschulen im Kontext der Humboldtschen Bildungsreformen gesehen werden muß.

Das "amerikanische System"

Die Weltausstellung von Philadelphia 1876 anläßlich des 100. Jahrestages der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten wurde zu einem Forum, auf dem die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit im Bereich des Maschinenbaus auf eine qualitativ neue Ebene gehoben wurde. Franz Reuleaux' "Briefe aus Philadelphia", aus denen wir in dieser Studie Ausschnitte abdrucken, zeugen davon. In den 70er Jahren beginnen auch bedeutende deutsch-amerikanische Firmenkooperationen im Bereich des Maschinenbaus. In Philadelphia nahm außerdem die Zusammenarbeit Emil Rathenaus mit Thomas Alva Edison ihren Ausgang. Auf Grundlage der Edison-Patente leitete Rathenau die Elektrifizierung Deutschlands ein. Durch den Aufbau eines umfassenden Stromversorgungssystems wurde mit dem Elektromotor ein weiterer revolutionärer Fortschritt im Maschinenbau ermöglicht: Der Antrieb von Werkzeugmaschinen hing nicht mehr von Dampfmaschinen und ihrer komplizierten Kraftübertragung mit Transmissionsriemen ab. Der Aufsatz von Frank Hahn in dieser Studie skizziert das Wirken von Emil Rathenau.

Reuleaux' "Briefe aus Philadelphia" beschränken sich nicht auf wissenschaftlich-technische Themen und Bildungsfragen. Reuleaux behandelt grundlegende Fragen der Wirtschaftspolitik. Das zeigt seine Polemik gegen wirtschaftspolitische Vorstellungen, Deutschland müsse auf "Billigproduktion" setzen, um seine Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen. Und das zeigt seine unmißverständliche Befürwortung einer Schutzzollpolitik. In Philadelphia wirkte der große amerikanische Volkswirtschaftler Henry Carey (1793-1879), um den sich ein Kreis einflußreicher amerikanischer Industrieller und Bankiers gebildet hatte. Henry Carey ist der Sohn Mathew Careys, der ein väterlicher Freund Friedrich Lists während dessen Aufenthaltes in den USA war. Die beiden Careys gehören zusammen mit dem 1804 bei einem Duell getöteten Alexander Hamilton zu den Begründern des amerikanischen Systems der politischen Ökonomie, dem expliziten Gegenentwurf zum britischen Wirtschaftsliberalismus und der Doktrin des "Freihandels".

Der Kerngehalt des "amerikanischen Systems" besteht in der staatlich geförderten Entfaltung der produktiven Kräfte der Volkswirtschaft, ein Begriff, der von Alexander Hamilton stammt. Die Wirtschafts-, Finanz- und Fiskalpolitik zielt auf den Aufbau von Industrie, moderner Landwirtschaft und Infrastruktur, besonders der Eisenbahn, und die Förderung des technischen Fortschritts in der Volkswirtschaft. Nur so kann das private Unternehmertum sich erfolgreich entfalten und zugleich dem Gemeinwohlgebot der amerikanischen Verfassung gerecht werden. Die optimale Entwicklung der Volkswirtschaft bedarf der Absicherung durch Schutzzölle. Das "amerikanische System", das die wirtschaftspolitische Grundlage des Aufstiegs der Vereinigten Staaten zur weltgrößten Wirtschaftsmacht bildet, ist also das Gegenteil dessen, was man sich heute üblicherweise als die vorherrschende wirtschaftspolitische Tradition in Amerika vorstellt.

In der 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhundert hatte das zunehmende Gewicht Großbritanniens in Politik, Finanzen und Handel bewirkt, daß die Staaten Kontinentaleuropas immer mehr auf einen Freihandelskurs einschwenkten. Nach der Ermordung Präsident Abraham Lincolns gewannen die Freihandelstendenzen auch in den USA an Boden. Von der Londoner City dirigiert schwollen die internationalen Handels- und Finanzflüsse an, während sich die Bedingungen der Binnenproduktion in Kontinentaleuropa und auch in den USA verschlechterten. 1873 kam es dann zum ersten wirklich internationalen Finanzkrach, auf den die erste weltweite Wirtschaftsdepression folgte. Vor diesem Hintergrund fanden die Gespräche zwischen den Kreisen um Henry Carey und denen um Franz Reuleaux und Emil Rathenau bei der Weltausstellung von Philadelphia statt. Dabei ging es aber nicht nur um die Wiedereinführung der Schutzzollpolitik, die in Deutschland von Bismarck 1879 vollzogen wurde. Auf deutscher und amerikanischer Seite richtete sich der Blick auf die infrastrukturelle und technisch-wirtschaftliche Entwicklung der Weltgegenden, die noch nicht - hauptsächlich von Großbritannien - kolonial bzw. imperial vereinnahmt waren: Rußland, China, Japan und der Nahe/Mittlere Osten.

Die Knappheit der Maschinenbaukapazitäten in der Weltwirtschaft

Der Aufsatz von Lyndon LaRouche "Die Wiederbesinnung auf das Maschinenbauprinzip" in dieser Studie knüpft unmittelbar an das amerikanische System der politischen Ökonomie an. LaRouche legt eine umfassende konzeptionelle Begriffsbestimmung des "Maschinenbauprinzips" dar. Zugleich zeigt er den aktuellen weltwirtschaftlichen Ist-Zustand auf und analysiert, wie der wirtschaftspolitische Paradigmawandel der vergangenen 30 Jahre - eben die Abwendung vom "Maschinenbauprinzip" - zu der verheerenden Erosion realwirtschaftlichen Produktivpotentials in den Vereinigten Staaten und Westeuropa geführt hat. Dabei ist, wie erwähnt, der Einbruch im US-Maschinenbausektor, personell und materiell, besonders dramatisch.

Hier muß noch angemerkt werden, daß das qualitativ und quantitativ gewichtige Maschinenbaupotential im militärisch-industriellen Komplex - nicht im Zivilsektor - der ehemaligen Sowjetunion in den 90er Jahren rapide zusammengeschrumpft ist. Hunderttausende qualifizierte Wissenschaftler, Ingenieure und Facharbeiter sind heute in Rußland und den anderen GUS-Staaten faktisch arbeitslos und/oder warten oft monatelang auf ihre meist lächerlich geringe Entlohnung. Nicht ganz so schlimm, aber immer noch dramatisch schlecht ist die Lage im Maschinenbausektor Ost-Mitteleuropas. Dennoch ist das weitgehend brachliegende und vom Zusammenbruch bedrohte Maschinenbaupotential Rußlands und der GUS-Staaten von größter Bedeutung für die Weltwirtschaft. Hier liegen - noch jedenfalls - Reserven an qualifizierten Arbeitskräften und technischen Anlagen, die sich relativ kurzfristig reaktivieren lassen und die nicht nur für Rußlands wirtschaftlichen Wiederaufbau, sondern für die wirtschaftliche Entwicklung des gesamten eurasischen Großraums von größter Bedeutung sind.

Japan verfügt über eines der bedeutendsten und hochentwickelten Maschinenbaupotentiale der Weltwirtschaft. Der Maschinenbau in Taiwan und Südkorea gewährleistet nicht nur einen hohen Versorgungsgrad der Binnenwirtschaft, sondern auch ein gewichtiges Exportpotential. Bei den anderen südostasiatischen Staaten - den sogenannten "asiatischen Tigern" - existiert ein nennenswertes Maschinenbaupotential aber nicht. Trotz vordergründig großer Wirtschaftserfolge der "Tiger"-Staaten ist dort ein langfristig selbsttragendes Wirtschaftswachstum ohne einen binnenwirtschaftlich verankerten Maschinenbausektor nicht möglich. Sowohl China wie Indien verfügen über bedeutende Maschinenbaukapazitäten, die aber in keinem Verhältnis zur den Entwicklungserfordernissen dieser beiden künftigen Wirtschaftsgroßmächte stehen. China wie Indien bedürfen eines umfassenden Ausbaus und der durchgreifenden Modernisierung ihres bestehenden Maschinenbaupotentials.

Die Aufsätze von Lothar Komp, Kathy Wolfe, Richard Freeman sowie Susan B. und Ramtanu Maitra in dieser Studie geben ein mit umfänglichem statistischem Material unterlegtes Profil der Maschinenbausektoren in den wichtigsten Volkswirtschaften. Das Gesamtbild, das sich aus diesen sektoralen Profilen ergibt, ist eindeutig: Bezogen auf die Weltwirtschaft insgesamt gibt es nur recht bescheidene "Inseln" von Maschinenbaukapazitäten. Diese Kapazitäten werden nicht einmal ausreichen, den aktuellen Ist-Zustand der Weltwirtschaft - nach realwirtschaftlichen Kriterien - aufrechtzuerhalten. Die Knappheit an Maschinenbaupotential wird aber schon dann auf geradezu dramatische Weise offensichtlich, wenn man die realwirtschaftlichen Anforderungen einer echten Wirtschaftserholung einschließlich einer Infrastrukturmodernisierung in den entwickelten OECD-Staaten in Rechnung stellt. Die Maschinenbau-Knappheit steigert sich um eine weitere Größenordnung, wenn man die wirtschaftliche Rekonstruktion Rußlands, der Ukraine und der anderen ehemals kommunistischen Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas mit einbezieht. Das tatsächliche gigantische Ausmaß fehlender Maschinenbaukapazitäten offenbart sich, wenn man die wirtschaftliche und vor allem die infrastrukturelle Entwicklung Eurasiens, Afrikas und Lateinamerikas als Ziel definiert.

Die Schere zwischen den vorhandenen personellen und materiellen Maschinenbau-Ressourcen einerseits und den Anforderungen an diesen Sektor der Weltwirtschaft für Wiederaufbau- und Entwicklungsaufgaben andererseits klafft also weit auseinander. Von irgendwelchen "Überkapazitäten" im Maschinenbau kann also in weltwirtschaftlicher Perspektive überhaupt keine Rede sein. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Als wenn dies nicht schon schlimm genug wäre, wird unter den gegenwärtigen Bedingungen der Weltwirtschaft und besonders des Weltfinanzsystems das bereits extrem knappe Gut Maschinenbau noch weiter verknappt. Wie oben ausgeführt, spielt die seit rund 30 Jahren in den OECD-Ländern hegemoniale Wirtschaftspolitik des Neoliberalismus und die Ideologie von der "postindustriellen Dienstleistungswirtschaft" eine entscheidende Rolle bei der "Krankschrumpfung" des Maschinenbausektors in den Industriestaaten.

Neoliberalismus und "Informationsgesellschaft" sind aber nur der ideologische Ausdruck der fundamentalen Schere zwischen dem sich seit 30 Jahren exponentiell aufblähenden Weltfinanzsystem einerseits und der Realwirtschaft andererseits, die im Weltmaßstab seit rund 30 Jahren stagniert bzw. schrumpft. Regionale Wachstumsfortschritte während der letzten Jahre in China, Indien und anderen hauptsächlich asiatischen Wirtschaftsräumen können die realwirtschaftlichen Substanzverluste in den ehemals kommunistischen Staaten im Osten Europas, in Afrika, Lateinamerika und - in jüngster Zeit - auch in den OECD-Staaten nicht kompensieren. Dieser realwirtschaftliche Erosionsprozeß, mit seinen Auswirkungen auf den Maschinenbau, steuert bei der gleichzeitigen spekulativen Aufblähung der Finanzaggregate zwangsläufig auf eine Bruchstelle zu, an der es zu einem Kollaps des Weltfinanzsystems kommen muß. Die Zukunft des Maschinenbausektors der Weltwirtschaft wird also zuallererst davon abhängen, was die wirtschafts- und finanzpolitische Antwort auf diesen Zusammenbruch des Finanzsystems sein wird. Alle Überlegungen und "Optionen" für die Zukunft des Maschinenbaus, die die axiomatische Frage des Weltfinanzsystems zu umschiffen versucht, müssen sich als illusionär erweisen.

Die Systemkrise der Weltfinanzstrukturen

Wir müssen uns also mit den folgenden Fragen auseinandersetzen: Was ist zu tun, wenn das spekulativ aufgeblähte Weltfinanzsystem zusammenbricht? Was sind die strategischen Grundlinien der Notfallplanung, wenn es zur systemischen Finanzkrise kommt?

Die Antwort muß zunächst mit der Klärung der Ausgangslage beginnen: Bereits seit rund 10 Jahren ist das Post-Bretton-Woods-Finanzsystem objektiv nicht mehr lebensfähig. Der Börsenkrach vom Oktober 1987 und die darauf folgende "Sparkassenkrise" in den USA offenbarten, daß die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen der Masse der Finanztitel (Aktien, Anleihen, Terminkontrakte, Derivate etc.) einerseits und dem realwirtschaftlichen Potential andererseits nicht länger "stabil" gehalten werden konnte. Damals bestand noch die Chance, auf geordnete Art und Weise die spekulative, fiktive Finanzmasse schrittweise "abzubauen". Es wurde aber das genaue Gegenteil gemacht: Die Finanzmasse wurde durch "innovative" Spekulationsmechanismen (Derivate) um Größenordnungen ausgeweitet. Gleichzeitig wurde - ausgehend von der Niedrigzinspolitik der Federal Reserve - enorme Liquidität in den privaten Bankensektor gepumpt. Damit wurde das amerikanische Bankensystem solvent gehalten und auf Zeit "stabilisiert". Ende 1993/Anfang 1994 wollte der Chef der Federal Reserve Alan Greenspan diese "reflationäre" Taktik des finanziellen Krisenmanagements langsam zurückführen, denn die zwangsläufig im Gefolge dieser Politik einsetzende Wertpapierinflation (financial asset price inflation) war unübersehbar geworden.

Die Anfang 1994 erfolgte Erhöhung der US-Zinsraten führte nach 1987 zum zweiten großen Einbruch auf den internationalen Finanzmärkten. Erst brachen die Bondmärkte international ein, dann kam es zu einer Serie von größeren "Derivatunfällen" und Bankenkrisen. Zwischen der Mexiko-Krise vom Januar 1995, der Barings-Pleite im Februar 1995 und der japanischen Bankenkrise vom Mai 1995 hatte der Desintegrationsprozeß des internationalen Finanzsystems voll eingesetzt. Im Sommer 1995 stand das Weltfinanzsystem unmittelbar vor der Systemkrise.

"Flickschusterei" verschärft die Systemkrise

In dieser Situation verständigte man sich, im Kontext des G-7 Gipfels von Halifax, auf eine weitere Runde der "Reflationstaktik" für das Finanzsystem, wodurch Zeit gewonnen, aber die unterliegenden Fundamentalprobleme des Finanzsystems weiter verschärft wurden. Die Zinsraten für Zentralbankgeld an die Privatbanken wurden international auf historische Tiefststände gebracht. Japan stand (und steht) im Zentrum dieser Taktik: die japanischen Zinsraten wurden auf 0,5% gedrückt, und die US-Regierung stellte Japan eine in der Finanzgeschichte beispiellose Kreditlinie von $500 Milliarden zur Verfügung. Gleichzeitig wurden immer mehr unbedarfte Kleinanleger dazu gebracht, ihre Sparguthaben Investmentfonds (mutual funds) zuzuführen, die hohe Spekulationsgewinne an den Finanzmärkten versprachen. Die Folgen sind nicht überraschend: Seit Sommer 1995 hat es auf den internationalen Finanzmärkten, mit New York in der Spitzenposition, eine geradezu unglaubliche Wertpapierinflation gegeben. Die Dow-Jones-Kurse stiegen in einem Jahr um mehr 50%, und auf den anderen großen Finanzplätzen sah es nicht viel anders aus.

Ende 1996/Anfang 1997 stand man wieder vor einer ähnlichen Situation wie Ende 1993. Zwar hatte man Zeit gewonnen, aber dieser Zeitgewinn war teuer erkauft worden, denn die fiktive Finanzmasse war um eine weitere Größenordnung angewachsen. Zugleich verschlechterte sich die realwirtschaftliche Lage dramatisch: die stetig zunehmende Massenarbeitslosigkeit; sinkende Durchschnittseinkommen; immer tiefere Budgetkürzungen, die über die so bewirkte Erosion der Steuerbasis nur zu weiterem Anwachsen der Staatsverschuldung führen; die Deindustrialisierungstendenzen und der Infrastrukturabbau in den Industriestaaten. Schließlich weitet sich das Massenelend in den Ländern der Dritten Welt aus, was nicht zuletzt auch für die exkommunistischen Staaten im Osten und Südosten Europas, sozusagen vor unserer Haustür, gilt. In dieser Lage ist klar, daß es kurzfristig zu einer systemischen Erschütterung des Weltfinanzsystems kommen wird. Das genau "Wann" und das genaue "Wie" läßt sich aber nicht präzise prognostizieren. Die Auslöser der finanziellen Systemkrise können endogen und/oder exogen (politische und militärische Erschütterungen) sein.

Die Möglichkeiten des "Krisenmanagements" und der "Kriseneindämmung" im Falle einer finanziellen Systemkrise lassen sich durch den Vergleich mit militärstrategischen Kategorien erläutern. Ein europäischer Finanzanalyst verglich die Handlungsmöglichkeiten bezüglich der gegenwärtigen Finanzkrise mit der in US-Militärkreisen geführten Diskussion über die Frage: "Wieviele Kriege können die USA gleichzeitig führen?" Eine Krise in einem nationalen Bankensektor oder einem anderen Segment des internationalen Finanzsystems könne man vermutlich auf Zeit "kontrollieren". Aber schon eine weitere, gleichzeitige Krise in einem anderen finanziellen Bereich könnte die Möglichkeiten des finanziellen "Krisenmanagements" überfordern. So groß beispielsweise die Probleme im japanischen Finanzsystem sind, werden die Verantwortlichen wahrscheinlich eine Systemkrise vorerst verhindern können, wenn sie auf Japan begrenzt bleiben. Aber wenn die Krise von Japan auf weitere Finanzzentren übergreift oder woanders schwere Erschütterungen aufbrechen würden, nimmt die Fähigkeit der Regierungen, der Zentralbanken und der internationalen Finanzinstitutionen wie IWF und BIZ ab, die Krise zumindest vorübergehend einzudämmen. Alle Pläne für finanzielle Notmaßnahmen in den Schubladen und Computern der Federal Reserve, des IWF und der BIZ werden sich bei einem Mehrfrontenkrieg im Finanzsystem wahrscheinlich als unbrauchbar erweisen.

Wie gesagt, die "große" Finanzkrise tritt dann ein, wenn das eklatante Mißverhältnis zwischen Finanzmasse und realwirtschaftlichem Produktivpotential offen aufbricht. Wertpapiere offenbaren sich dann als fiktives Kapital, es zeigt sich, daß eine astronomische Wertpapierinflation besteht. Jacques Rueff, der frühere Wirtschaftsberater Präsident de Gaulles, hat die Finanzkrise, diese "Stunde der Wahrheit", mit folgender Metapher dargestellt: Wenn man Wertpapiere als Weinflaschen betrachtet, zeigt sich plötzlich, daß die Flaschen - wenn überhaupt - nur noch zu einem Bruchteil mit Wein, aber hauptsächlich mit "brackigem Wasser" gefüllt sind. Die rasante und sozusagen mit der Naturgewalt des Marktes erfolgende Entwertung von Wertpapieren muß dann zwangsläufig zu einer sich kettenreaktionsartig vollziehenden allgemeinen Zahlungsunfähigkeit innerhalb des gegenseitig verschachtelten und elektronisch vernetzten Finanzsystems kommen. Ausfälle verursachen immer mehr und immer größere Ausfälle.

Doch eine solche Finanzparalyse würgt zugleich die bereits zuvor von der Finanzspekulation schwer geschädigte Realwirtschaft ab, denn illiquide Banken und andere Finanzinstitutionen sind nicht mehr zur normalen finanziellen Abwicklung von Produktion und Handel fähig, was wiederum auf die Finanzverfassung gewerblicher Unternehmen, die Beschäftigung und die Masseneinkommen katastrophale Auswirkungen hat. Die lautesten neoliberalen "Entstaatlicher" von heute werden dann sicherlich am heftigsten nach der Finanzhilfe des Staates rufen - das bekannte "Wendehals"-Phänomen. Es wird dann ein Aufschrei durch die westlichen Länder gehen: Warum hat uns niemand gewarnt? So wie in den letzten Jahren konnte das doch gar nicht gut gehen! Wie können denn die Finanzmärkte "prosperieren", wenn die Firmenpleiten zweistellige Zuwachsraten aufweisen, Massenarbeitslosigkeit herrscht und die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr funktionieren?

Die Grundlagen einer "neuen Wirtschaftspolitik"

Was kann eine vernünftige Wirtschafts- und Finanzpolitik unter den Notstandsbedingungen eines "Super-GAUs" im internationalen Finanzsystem tun? Ich definiere "vernünftige" Wirtschafts- und Finanzpolitik auf der Basis von LaRouches physischer Ökonomie. LaRouches wirtschaftstheoretischer Ansatz konzentriert sich auf realwirtschaftliche Entwicklung - die Schaffung stets neuer, qualitativ verbesserter personeller, technologischer und infrastruktureller Produktivkräfte. Das Anforderungsprofil für erfolgreiche realwirtschaftliche Entwicklung enthält folgende Grundelemente: Die physische Ökonomie LaRouches schafft die theoretische Basis, genau jene wissenschaftlich-technischen Durchbrüche bzw. Durchbruchspotentiale zu identifizieren, die die maximale Wirkung auf die Erhöhung des Kraftpotentials/-dichte der Volkswirtschaft haben und zugleich die potentielle Bevölkerungsdichte erhöhen. Eben weil sich die physische Ökonomie an den Begriffen Kraftpotential, Kraftdichte und potentielle Bevölkerungsdichte orientiert, verfügt sie über die wirtschaftswissenschaftlichen Kriterien, die Technologien zu identifizieren, die das maximale "Stoßwellenpotential" zur "Aufwärtstransformierung" der Volkswirtschaft haben. Deshalb ist wissenschaftlich abgesicherte, wirtschaftspolitische Entscheidungsfindung möglich.

Die aus der physischen Wirtschaftstheorie resultierende "politische Ökonomie" kann man als indikative Wirtschaftssteuerung bezeichnen. Um den genannten realwirtschaftlichen Zielsetzungen und Anforderungen gerecht zu werden, bedarf es finanz- und fiskaltechnischer Maßnahmen. In diesem Bereich hat Alexander Hamilton in theoretischer und praktischer Hinsicht Grundlegendes geleistet, woran direkt Friedrich List anknüpft. Die finanzpolitischen Vorstellungen von LaRouche orientieren sich eng an Hamilton und List.

Hinzuzufügen sind hier folgende wirtschaftspolitische Präzedenzfälle: der New Deal und die Kriegswirtschaft in den Vereinigten Staaten (1940-45) unter Franklin Delano Roosevelt; die wirtschaftspolitische Diskussion in Deutschland Anfang der 30er Jahre (Wilhelm Lautenbach und Wladimir Woytinsky); die Wirtschafts- und Finanzpolitik des Wiederaufbaus in Deutschland zwischen 1949 und 1963 (Hermann Josef Abs; die Modernisierung der französischen Wirtschaft unter General de Gaulle zwischen 1958 und 1968 unter seinem Finanz- und Wirtschaftsberater Jacques Rueff.

Simplifizierend könnte man den Kern der Finanzpolitik von LaRouche folgendermaßen zusammenfassen: Der Staat und die öffentlichen Körperschaften sind verpflichtet, stets in ausreichendem Umfang und zu niedrigen Zinssätzen Finanzmittel für technologisch fortschrittliche Investitionen in Industrie, Landwirtschaft und Infrastruktur bereitzustellen. Staatliche Geldschöpfung ist dann nichtinflationär, wenn Finanzmittel in Projekte fließen, die die volkswirtschaftliche Produktivität erhöhen. Dies ist natürlich kein Gegensatz, sondern die Voraussetzung für erfolgreiches privates Unternehmertum. Unter "normalen" Bedingungen wirtschaftlichen Wachstums und hoher Beschäftigung schafft sich die Volkswirtschaft die notwendigen Finanzmittel sozusagen von selbst, nämlich auf dem Weg der Sparkapitalbildung bei privaten und öffentlichen Banken und durch die Bereitstellung des Steueraufkommens, womit die öffentliche Infrastruktur im weitesten Sinne, einschließlich gezielter staatlicher Wirtschaftsförderung, finanziert werden kann. Diese Kapitalbildung ist der finanzielle Ausdruck des realwirtschaftlichen Mehrproduktes, oder besser der "freien Energie" der Volkswirtschaft.

In Notzeiten gewinnt die produktive Kreditschöpfung und die "Anschubfinanzierung" des Staates eine Schlüsselrolle. Volkswirtschaftliche Notlagen können durch Naturkatastrophen entstehen, es gibt sie in Kriegen oder nach Kriegen beim Wiederaufbau, und es gibt sie bei großen Finanzzusammenbrüchen und Wirtschaftsdepressionen.

Optionen für Notstandsmaßnahmen bei einer finanziellen Systemkrise

Ich möchte abschließen, indem ich einige Orientierungspunkte für ein finanz-ökonomisches Notstandsprogramm darlege:
  1. Aussortieren
    1. Fiktive Wertpapiere müssen aussortiert werden. Offensichtlich spekulatives fiktives Kapital muß durch Regierungsbeschluß ersatz- und entschädigungslos abgeschrieben werden, soweit dies nicht bereits durch den Zusammenbruch am Finanzmarkt geschehen ist.

    2. Wertpapiere unklarer Natur müssen eingefroren werden.

    3. Die Bedienung der Staatsschulden wird durch ein Moratorium suspendiert, um die Finanzierung lebenswichtiger Staatsfunktionen zu gewährleisten.

    4. Sanieren
      1. Wertpapiere, die durch produktive realwirtschaftliche Kapazitäten gedeckt sind, müssen geschützt werden.

      2. Die Finanzmittel von Rentenkassen, Krankenversicherungen und anderen sozial unverzichtbaren öffentlichen und privaten Institutionen müssen geschützt werden, so daß sie funktionsfähig bleiben.

      3. Die regulären Sparguthaben müssen geschützt werden und zugänglich bleiben.

      4. Die Funktionen privater Banken, die zur Finanzierung und zur finanziellen Abwicklung von produktiven realwirtschaftlichen Tätigkeiten dienen, müssen aufrechterhalten werden.

      5. Anschubfinanzierung und Nationalbank
        1. Auf der Basis der Finanzsouveränität des Nationalstaates muß eine öffentliche Nationalbank oder "Kreditanstalt für Wiederaufbau" langfristige und niedrigverzinsliche Kredite schöpfen. Diese Kredite fließen ausschließlich in die Reaktivierung und Produktionsausweitung in Industrie, Mittelstand, Landwirtschaft. Große nationale und transnationale Infrastrukturprojekte fungieren als "Anschub" für die Gesamtwirtschaft.

        2. Staatliche und öffentliche Kredite werden über private Banken, die im traditionellen Kreditgeschäft mit Industrie, Mittelstand und Landwirtschaft verankert sind und über entsprechendes Wissen verfügen, abgewickelt.

        3. Es werden transkontinentale Groß-Infrastrukturprojekte beschlossen. Wie beispielsweise die eurasische Landbrücke, die das gemeinsame Selbstinteresse der Beteiligten an wirtschaftlichem Aufbau und Entwicklung und politischer Stabilität zum Ausdruck bringt und zugleich als Katalysator und Motor einer weltwirtschaftlichen Erholung wirkt.

            Ein neues Bretton-Woods-System
            1. Die diesen Zielsetzungen verpflichteten Regierungen kommen in einer internationalen Notstandskonferenz zusammen und beschließen:

              Es wird ein neues Weltwährungssystem - ein neues Bretton-Woods-System - geschaffen, das auf festen Währungsparitäten und dem Goldreservestandard beruht. Der realwirtschaftlichen Entwicklung (und des Wiederaufbaus) der nationalen Volkswirtschaften, unter Einbeziehung sorgfältig durchdachter Schutzzölle und Kapitalkontrollen, wird konsequent die Priorität eingeräumt, was in keinem Gegensatz zu multinationalen Großentwicklungsprojekten wie der "eurasischen Landbrücke" steht.

            Das internationale Währungs- und Finanzsystem von Bretton Woods, das am 15. August 1971 vom damaligen US-Präsidenten Richard Nixon faktisch abgeschafft wurde, ermöglichte trotz vielerlei Mängel den außerordentlichen weltweiten Wirtschaftsaufschwung der 50er und 60er Jahre. Damals was das Währungs- und Finanzsystem eng mit der Realwirtschaft verkoppelt und basierte auf den Nationalstaaten und Nationalwirtschaften. Feste Wechselkurse sowie der Goldreservestandard machten im Bretton-Woods-System Währungsspekulationen weitgehend unattraktiv. Die volks- und betriebswirtschaftlichen Zielsetzungen waren langfristig und auf die Ausweitung der realen Produktion ausgerichtet. Die Sicherung der Vollbeschäftigung hatte faktisch Staatszielcharakter.

            Schlußbemerkung

            Dieses Maßnahmenpaket unter Bedingungen eines finanziellen und wirtschaftlichen Notstandes soll verdeutlichen, daß es nach dem Tod des gegenwärtigen Finanzsystems sehr wohl ein Leben gegeben wird. Unter solchen Notstandsbedingungen wäre der Versuch des "Weiterwursteln" sowohl ganz offensichtlich selbstmörderisch wie auch faktisch unmöglich. Auf die "große" Krise kann es keine "kleinen" Antworten geben. Aber bei Umsetzung des eben skizzierten Maßnahmenpakets wird eine umfassende Erholung der Weltwirtschaft möglich und dabei wird der Maschinenbausektor die herausragende Rolle spielen. Der Maschinenbau wird wahrscheinlich der überragende Wachstumssektor in der Weltwirtschaft bei der "dritten industriellen Revolution" sein. Wenn man Hochgeschwindigkeitsbahnen, inhärent sichere Kernkraftwerke, Meerwasserentsalzungsanlagen, moderne Landmaschinen oder Technische Hochschulen bauen will; wenn man die Weltraumfahrt wiederbeleben und zum Mars fliegen will; wenn man haltbare und zuverlässige Konsumgüter für die jetzt noch verarmten Menschen in der Dritten Welt herstellen will, dann braucht man für all das massenhaft Werkzeugmaschinen von höchstem technologischen Standard. Dann braucht man auf der ganzen Welt massenhaft Wissenschaftler, Ingenieure und Facharbeiter, die auf den erzieherischen Grundlagen von Humboldt, Redtenbacher und Reuleaux ausgebildet sind.

            Inhalt der Studie


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