IX. Anhang

Wir brauchen eine neue Außenpolitik!

Im Juli 1996 richtete die Präsidentin des internationalen Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche den folgenden offenen Brief an die Vertreter von Wirtschaft und Politik in Deutschland


Das Debakel um die Tibet-Resolution im Deutschen Bundestag ist nur das jüngste und dramatischste Beispiel für den völligen Zusammenbruch der deutschen Außenpolitik, die sich auf die wirklichen Interessen unseres Landes bezieht. Es ist weiterhin eine beklemmende Demonstration für die linguistische Sprachverdrehung, die mit so wichtigen Begriffen wie "Menschenrechten" betrieben wird, und zeigt die gefährliche historische und strategische Ignoranz einer großen Zahl von Bundestagsabgeordneten, die sich zu Trotteln der britischen Geopolitik haben machen lassen.

Es gibt gegenwärtig nur zwei Alternativen für die deutsche Politik. Die negative, in die Katastrophe führende Variante wurde kürzlich auf dem G7-Gipfel in Lyon vorgeführt, bei dem die Staatschefs der sieben größten Industrienationen angesichts des drohenden Kollapses des gesamten internationalen Finanzsystems von Panik getrieben ihre Unterwerfung unter eine Weltdiktatur der supranationalen Organisationen UN, Weltbank, Internationaler Währungsfonds (IWF) und World Trade Organisation (WTO) bekanntgaben.

Das dort beschworene Dogma von der angeblich nicht veränderbaren Realität der Globalisierung der Weltwirtschaft wird den Kollaps nicht verhindern. Auf diesem Gipfel wurde nichts getan, um die spekulative Finanzblase zu beseitigen und die reale Produktion wieder in Gang zu bringen. Hinter der Potemkinschen Fassade schöner Beschwörungsformeln und Kommuniqués herrschte allerdings die blanke Panik über den bevorstehenden Kollaps des Finanzsystems. John Major und Jacques Chirac nahmen Präsident Clinton in die Zange und versuchten ihn zu weiteren Budgetkürzungen zu veranlassen. IWF-Chef Camdessus brachte es in einem Seminar in Lyon vor dem Gipfel auf den Punkt: "Das System geht in die Brüche".

Das hinderte die Autoren des Schlußdokuments aber nicht daran, von der bedauerlichen, aber kaum zu verhindernden "Marginalisierung" ganzer Regionen dieser Welt zu sprechen, und dies ist nur der politisch korrekte Ausdruck für das Abschreiben der "nutzlosen Esser" von heute, die diesmal eben nicht nur die Alten und Kranken, sondern auch die Menschen in der sogenannten Dritten Welt sein sollen.

Die andere Alternative wurde Anfang Mai in Beijing auf der "Konferenz zur Entwicklung der Regionen entlang der neuen Eurasischen Landbrücke" machtvoll auf die politische Tagesordnung gesetzt. Die Bevölkerungszentren Asiens sollen durch integrierte Infrastrukturprojekte mit den Industriezentren Europas verbunden werden. China ist bereits ebenso wie verschiedene andere Staaten Eurasiens dabei, viele der auf seinem Territorium gelegenen Teilstücke der "Neuen Eurasischen Seidenstraße" auszubauen, und hat die beschleunigte Fertigstellung dieses Projekts nicht nur in seinem gegenwärtigen Fünfjahresplan, sondern auch in seiner Langzeitentwicklungsperspektive für das Jahr 2010 festgeschrieben.

Damit ist das Thema des Jahrhunderts, nämlich die wirtschaftliche Integration des eurasischen Kontinents als Voraussetzung für die überwindung der Unterentwicklung der südlichen Hemisphäre wieder zur zentralen Frage geworden.

An früheren Projekten anknüpfen

Es ist für den Weltfrieden in den nächsten Jahren und während des nächsten Jahrhunderts dringender denn je, an den überlegungen anzuknüpfen, die vor rund hundert Jahren bereits von Gabriel Hanotaux in Frankreich, Georg von Siemens, Graf Sergej Witte in Rußland und Sun Jat-sen in China angestellt wurden. Sie sahen damals die Bagdadbahn, die Eisenbahn von Paris nach Wladiwostok und ähnliche Infrastrukturprojekte als die unabdingbare Voraussetzung für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt des eurasischen Kontinents. Hanotaux, von Siemens, Graf Witte und Sun Jat-sen waren alle Repräsentanten der physischen ökonomie in der Tradition Gottfried Leibniz' und Friedrich Lists. Nach dieser Auffassung war nur der durch wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt ausgelöste Anstieg der Produktivität der Arbeitskraft die Quelle des gesellschaftlichen Reichtums.

Nach der öffnung der Grenzen Europas lag es 1989 offensichtlich nahe, durch eine Entwicklung der Infrastruktur des Ostens die Versäumnisse nachzuholen, die maßgeblich zum Scheitern des Kommunimus beigetragen hatten. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Lyndon LaRouche schlug dafür bereits im November 1989 das Programm des sogenannten "Produktiven Dreiecks Paris-Berlin-Wien" vor. Dieses Konzept sah vor, diese Region mit den größten Industriekapzitäten der Welt durch große Verkehrsadern und damit verbundene Entwicklungskorridore zu einem Motor für die Entwicklung des Ostens werden zu lassen. Nach dem Kollaps der Sowjetunion erweiterte LaRouche diesen Vorschlag zu einem integrierten Infrastrukturprogramm für Schnell- und Autobahnen, Wasserwege, Energieproduktion und -verteilung sowie Kommunikation für den gesamten eurasischen Kontinent.

Bekanntermaßen wurde dieser Weg nicht beschritten. Und das, was damals jedermann zu Recht als "die große Chance Europas" in diesem Jahrhundert bezeichnete, wurde verspielt. Anstatt im Osten Märkte zu entwickeln und so dem Wunsch dieser Völker zu entsprechen, sich dem Westen anzuschließen, wurden die östlichen ökonomien auf Geheiß des IWF dem wirtschaftlichen Kahlschlag preisgegeben. Als Folge davon sind die Kapazitäten z.B. der russischen Industrie nach nur vier Jahren "Reformpolitik" auf 20-30 Prozent geschrumpft, und in der Bevölkerung hat sich eine potentiell höchst gefährliche antiwestliche Stimmung ausgebreitet.

Europa hat in den vergangenen sieben Jahren zugelassen, daß es durch eine Reihe von geopolitischen Manipulationen in der Tradition der Entente cordiale das historische Momentum verloren hat, ja sogar zur relativen politischen Zweitklassigkeit degeneriert ist. Hätten wir durch eine entschlossene wirtschaftliche Integration des Ostens demonstriert, daß wir die große historische Stunde zu nutzen und den Lauf der Geschichte zu prägen wissen, wie ganz anders könnte die Welt heute aussehen! Die "blühenden Landschaften im Osten", von denen Helmut Kohl gesprochen hat, wären sehr wohl möglich gewesen.

Statt dessen blieben die Morde an Alfred Herrhausen und Detlev Carsten Rohwedder, deren Nachfolger beide die wirtschaftspolitische Richtung der Deutschen Bank und der Treuhand maßgeblich veränderten, vom Standpunkt des geopolitischen "cui bono" ununtersucht. Im Gefolge davon traute sich niemand mehr, sich der monetaristischen Politik für den Osten zu widersetzen und ein dirigistisches Aufbauprogramm in der Tradition der Kreditanstalt für Wiederaufbau vorzuschlagen oder umzusetzen.

Der von Thatcher, Bush und Mitterrand angezettelte Golfkrieg, der Saddam Hussein prompt in die Falle tappen ließ, sorgte dafür, daß jegliche deutschen Impulse, eine eigenständige Rolle bei der wirtschaftlichen Entwicklung des Ostens zu spielen, eingedämmt wurden, und die am Golfkrieg beteiligte Militärkoalition die historische Initiative wieder an sich reißen konnte.

Die Unfähigkeit, diese geopolitische Dimension von "Desert Storm" beizeiten aufzudecken, führte letztlich zu einer Wiederholung der Balkankriege von 1912/13, unterstützt durch die gleiche Entente cordiale wie damals. Die Passivität gegenüber dem Genozid auf dem Balkan war in moralischer Hinsicht der wahrscheinlich schwerwiegendste Faktor für das politische Scheitern Europas.

Obwohl inzwischen Margaret Thatcher und Jacques Attali in ihren Memoiren offen zugegeben haben, daß das ganze Konzept des Maastrichter Vertrages wesentlich die Schwächung der deutschen Wirtschaft zum Ziel hatte; und nachdem in Studien u.a. der Hypobank festgestellt wird, daß Deutschland die negativen Folgen von Maastricht am meisten spüren werde, folgt die Bonner Regierung wie ein Haufen getriebener Lemminge einer Politik, über die man sich in London vor Vergnügen halbtot lacht. Und die deutsche Wirtschaft kollabiert und kollabiert, während den Politikern nichts anderes einzufallen scheint als weiland Brüning und Schacht.

Nun hat die chinesische Regierung mit der Politik des forcierten Ausbaus der Eurasischen Landbrücke den einzig möglichen Ausweg aus der Katastrophe auf die Tagesordnung gesetzt. China wird, von der Möglichkeit eines uns alle vernichtenden Krieges einmal abgesehen, spätestens im Jahre 2010 die führende Wirtschafts- und Weltmacht sein. Der deutsche Botschafter in Beijing Konrad Seitz hat völlig recht, wenn er sagt, das Wichtige an der Entwicklung in China sei, daß die Reformen in Richtung einer sozialen Marktwirtschaft weitergingen. Ja mehr noch, verschiedene chinesische Regierungsbeamte haben auf der Konferenz im Mai die Absicht der Regierung unterstrichen, die westlichen und mittleren Regionen Chinas so schnell wie möglich auf das Niveau der entwickelten Küstenregionen und südlichen Gebiete und dann auf Weltniveau zu bringen.

Zwei Motive

Es ist das ureigenste Interesse Deutschlands, genau die Qualität zum Gelingen der ökonomischen Integration Eurasiens beizusteuern, für die wir - zumindest im Augenblick noch - in der Welt Ansehen genießen: unsere wissenschaftliche und technologische Expertise. Nicht zuletzt kollabiert unsere Wirtschaft ja deshalb, weil wir dank der Politik des IWF fast alle unsere traditionellen Exportmärkte in den Entwicklungsländern verloren haben.

Man muß bedenken, daß es sich die Kräfte der Entente cordiale in diesem Jahrhundert zwei Weltkriege haben kosten lassen, die Integration des eurasischen Kontinents zu sabotieren, und die politischen Ereignisse im Osten machen deutlich, daß eine weitere Verschärfung der Wirtschaftskrise die Welt in ein vielleicht noch größeres Chaos stürzen könnte. Nur vor diesem Hintergrund wird die ans Kriminelle grenzende Dummheit der Tibet-Resolution des Bundestags ins rechte Licht gerückt.

Es gilt dabei zwei Motivationen zu unterscheiden. Für einen Teil der Unterzeichner liegt diese sicherlich in einem neurotischen Drang, sich mangels wirklicher Verantwortlichkeit für das Weltgeschehen selbst als Helden zu inszenieren. Mit der für die 68er Generation üblichen Realitätsferne spielen dabei im Denken der Vertreter der Toskana-Fraktion und der Erbengeneration die Konsequenzen von Handlungen keine Rolle. Daß sie durch die Unterstützung einer Exilregierung, die völkerrechtlich nicht anerkannt ist, die territoriale Integrität Chinas in Frage stellen, würde ihnen wohl erst aufgehen, wenn die Chinesen nunmehr aktiv die Abspaltung Bayerns von Deutschland betrieben.

Solche Naivität gilt aber sicher nicht für die Organisatoren der Tibet-Konferenz der Friedrich-Naumann-Stiftung im Bonner Wasserwerk. Otto Graf Lambsdorff wird man ebensowenig wie Burkhard Hirsch vorwerfen können, daß es nur der anglo-amerikanischen Umerziehung anzulasten ist, wenn sie exakt dieselbe Politik imitieren, wie sie gegenwärtig u.a. vom britischen International Institute for Strategic Studies betrieben wird: die Zersplitterung Chinas in fünf oder mehr Teile. Es wird wohl nicht mehr sehr lange auf sich warten lassen, bis Graf Lambsdorff wie sein Parteikollege Dahrendorf auch offiziell von der Queen zum "Lord" ernannt wird.

Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die sogenannte Globalisierung der Wirtschaft weder uns noch den ehemals sogenannten Entwicklungsländern Nutzen gebracht hat. Im Gegenteil, in den Industrienationen werden kostbare Kapazitäten zerstört und in der Dritten Welt die billigen Arbeitskräfte eine Zeitlang ausgenutzt, ohne wirklich für deren verbesserte Reproduktion zu sorgen. Nutznießer waren weder hier noch dort die Volkswirtschaften, sondern nur die Spekulanten.

Obwohl das Desaster dieser Politik in wirtschaftlicher Hinsicht auf fünf Kontinenten zu spüren ist und obwohl die Finanzblase kurz vor dem Platzen ist, wie nicht zuletzt die Panik verdeutlichte, die den Lyoner Gipfel umgab, versuchen derzeit Anhänger des Freihandels, den liberalen Paradigmawandel zu zementieren. "Die Globalisierung ist unabwendbar", tönt es da, und: "Wir müssen uns alle daran gewöhnen, daß es nie wieder wirtschaftliches Wachstum geben wird". Die Konsequenz soll dann offensichtlich sein: Sozialabbau, Rentenkürzungen, massive Abstriche bei der medizinischen Versorgung; kurz, dieselbe Austeritätspolitik wie in den dreißiger Jahren. Auch wenn es in Deutschland politisch nicht korrekt ist zu sagen: Das ist dieselbe faschistische Wirtschaftspolitik.

Das Axiom von der vermeintlichen Unabwendbarkeit der Globalisierung ist einfach falsch. Es ist auch keineswegs so, daß die Weltdiktatur der supranationalen Organisationen bereits eine irreversible Tatsache wäre. Wie ein chinesischer Beamter kürzlich feststellte: "Ohne China ist die WTO nur eine regionale Organisation!" Wenn zusätzlich in Rußland demnächst der Offenbarungseid bevorsteht, sind nationalökonomische Maßnahmen zur Verteidigung des russischen Binnenmarktes erforderlich, um absolutes Chaos und Bürgerkrieg zu verhindern.

Ebenso entspricht das Axiom von der angeblichen Unmöglichkeit zukünftigen Wachstums einer ideologischen Matrix, von der wir in Deutschland eigentlich genug haben sollten. Es entspricht genau dem gleichen Kulturpessimismus, den Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" schon einmal verbreitet hat. Wir sollten nie vergessen, daß es dieser Kulturpessimismus war, der die Bevölkerung für den Nationalsozialismus empfänglich machte.

Es gibt keinen einzigen objektiven Grund, warum die Regierungen der führenden Nationen dieser Welt nicht ein Paket von Maßnahmen beschließen, um die weltweite Depression zu überwinden. Dabei ist es dringend, den gegenwärtig eskalierenden Kollaps der Produktion realer Güter zu stoppen. Ebenso muß die größte spekulative Blase in der Geschichte durch eine Reorganisation des Weltfinanzsystems entschärft und die Politik des sogenannten "Freihandels" durch eine Politik ersetzt werden, die sich an den internationalen und nationalen Sicherheitsinteressen der souveränen Nationalstaaten orientiert. Dazu gehört vor allem die Unabhängigkeit im Bereich der Nahrungsmittel- und Energieversorgung.

Das gegenwärtig dominierende System von Währungs-, Zoll, Handels-und Kreditbedingungen, die nicht den betroffenen Nationen, sondern einer sich aus verschiedenen oligarchischen Elementen zusammensetzenden Finanzelite nützen, muß durch ein neues Währungs- und Kreditsystem ersetzt werden, das sich an dem Gemeinwohl aller teilnehmenden Nationen orientiert.

Wenn verhindert werden soll, daß die Weltwirtschaft bei dem drohenden unkontrollierten Kollaps in ein immenses Chaos mit katastrophalen sozialen Folgen stürzen soll, dann muß die Reorganisation jetzt, d.h. vor dem jederzeit möglichen Kollaps durchgeführt werden.

Das neue Währungs- und Finanzsystem muß das Instrumentarium bereitstellen, um durch eine infrastrukturelle Integration Eurasiens, d.h. durch die Erschließung vor allem der wenig bevölkerten und nicht oder kaum industrialisierten Regionen Rußlands, Chinas, Zentralasiens, Indiens usw. durch moderne Eisen- und Magnetschwebebahnen, Wasserwege, Häfen, aber auch Energieproduktion und -verteilung einen wirklichen industriellen und landwirtschaftlichen Aufbau zu ermöglichen.

Wenn diese neuen Verkehrswege zu sogenannten Entwicklungskorridoren ausgebaut werden, d.h. beidseitig in einem Streifen von rund fünfzig Kilometern Industrie angesiedelt wird, dann wird diese Jahrhundertaufgabe der Entwicklung Eurasiens zweifellos zum größten Wirtschaftswachstum in der Geschichte führen. Wenn man darüber hinaus mit der geopolitischen Manipulation dieser größten Landmasse endlich aufhörte, wäre zugleich das größte Hindernis beseitigt, das die Industrialisierung der südlichen Hemisphäre und die Schaffung menschenwürdiger Bedingungen für alle Menschen auf diesem Planeten bisher verhindert hat.

Angesichts des Ausmaßes der strategischen Krise haben sich die Optionen der möglichen Entwicklung auf zwei reduziert: entweder unkontrollierter Kollaps, von dem die jüngsten Bankrotte der deutschen Industrie nur einen schwachen Vorgeschmack geben, oder die Verwirklichung einer Wirtschaftsreform auf der Basis der Prinzipien von Gottfried Wilhelm Leibniz, Friedrich List und Alexander Hamilton, d.h. Betonung der physischen Industrie und der Schaffung von Nationalbanken im Dienste dieser physischen Industrie. Eine dritte Alternative gibt es nicht.

Das Problem der Generation X

Nur ein historischer Analphabet wird behaupten wollen, daß solche Entscheidungen nicht möglich sind. Die sogenannte Globalisierung heute kommt in ihrer Wirkung den gewollten Folgen des Morgenthau-Plans für Deutschland recht nahe: nämlich der Deindustrialisierung. Damals war es aber möglich, sich statt dessen für den Marshallplan zu entscheiden, in dessen Windschatten mittels der dirigistischen Politik der Kreditanstalt für Wiederaufbau und dem enormen Aufbauwillen der Bevölkerung das deutsche Wirtschaftswunder vollbracht werden konnte.

Viele Vertreter der mittleren und jüngeren Generation tendieren dazu, die gigantische Leistung des Wirtschaftswunders gering zu schätzen. Die Jüngeren oft deshalb, weil ihnen Deutschland als geistiger und materieller Trümmerhaufen kein Begriff ist, sondern sie in einem weltweit nur wenigem vergleichbaren Wohlstand aufgewachsen sind. "Alles vom Feinsten" zu haben, ist für die "Generation X" in diesem Land bis vor kurzem der Standard gewesen.

Die 68er Generation hingegen, die den "langen Marsch durch die Institutionen" ja gerade in Protest gegen den angeblichen Materialismus des Wiederaufbaus angetreten hatte, ist auch heute noch von den Axiomen des Denkens beeinflußt, die damals modern waren. Die Ideologie der 68er, deren Vertreter heute vielfach am Ziel ihres Marsches angelangt sind, war ebenso vom ursprünglich kommunistischen Projekt der Frankfurter Schule wie vom gezielt lancierten Paradigmawandel der anglo-amerikanischen Oligarchie beeinflußt.

Niemand will bestreiten, daß die Zeit des Wiederaufbaus unvollkommen war. Der existentiellen Erschütterung nach 1945, in der viele Menschen nach grundlegenden Konzepten suchten, damit sich diese Katastrophe nie wiederholen könne, folgten bald andere, banalere Verhaltensweisen - nicht zuletzt unter dem Einfluß der Politik der Umerziehung. "Nie wieder etwas mit Politik zu tun haben", hieß bald die Devise für die Mehrzahl der Bevölkerung, und vor allem keine Identität in der deutschen Geschichte finden; denn alles Deutsche wurde von den Besatzungsmächten implizit mit "nazistisch" gleichgesetzt.

Damit war einem Großteil der Bevölkerung aber zugleich die Möglichkeit genommen, eine vom christlichen Begriff der "Agape" ("Nächstenliebe") gespeiste Verantwortung für die Menschheit und die Geschichte als Ganze zu übernehmen. Und so verlagerte sich die Identität der Bundesrepublik Deutschland mehr und mehr dahin, nicht so sehr eine Nation, als vielmehr ein gut florierendes Wirtschaftsunternehmen zu sein. Die Spätfolge erleben wir gerade jetzt: Wenn der Betrieb in die roten Zahlen gerät, was ist dann unsere Identität?

Aber es gab durchaus eine andere, bessere Seite der Aufbaujahre. Das war einerseits die oftmals unterschätzte Leistung Adenauers, der es angesichts eines mehrheitlich nicht gerade an einer Blüte Deutschlands interessierten Auslands verstand, der Bundesrepublik wieder einen Platz in der Welt zu verschaffen. Adenauer war davon überzeugt, daß eine positive Zukunft nur geschaffen werden könnte, wenn eine christliche Partei eine staatsprägende Rolle übernähme. Und das hatte damals eine ganz andere Bedeutung als heute.

Die Umerziehung durch die Besatzungsmächte hat vor allem im Universitätsbereich nachhaltigen Schaden angerichtet. Aber zum Glück war die erneute Gleichschaltung (heute würde man "politische Korrektheit" sagen) nicht allumfassend. Ein entscheidender Teil von Gymnasiallehrern und Professoren, die auf die Nazizeit wesentlich mit innerer Immigration reagiert hatten, waren dem Humboldtschen Bildungsideal treu geblieben und gaben dies an ihre Schüler und Studenten weiter. Zu diesem Ideal gehörte die Idee der charakterlichen Bildung als wichtigstem Erziehungsziel und die Bedeutung der universellen Erziehung, die dem jungen Menschen die besten Beispiele menschlicher Kreativität in Kunst und Wissenschaft aus der ganzen Menschheitsgeschichte nahebringt. Es verstand sich ganz von selbst, daß sich aus dieser Sicht die vornehme Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft und dem Verlauf der Geschichte ergab.

Der wirkliche Bruch ergab sich erst durch den Paradigmawandel, den einerseits die Rock-Drogen-Sex-Gegenkultur auslöste, und andrerseits die 68er Revolution. "Trau keinem über dreißig!" und "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment", waren damals die In-Sprüche.

Als 1970 unter der Regierung Brandt die bereits 1963 von der OECD konzipierte Erziehungsreform durchgeführt wurde, setzte dann der Hobel an, um alle Relikte des Humboldtschen Bildungskonzepts auszumerzen. Gerade die überlieferung der zweieinhalbtausendjährigen Geschichte Europas als charakterbildender Unterricht wurde als "Bildungsballast" denunziert, der einer "praxisorientierten" Ausbildung zu weichen hätte. Wer wie Helmut Kohl heute die "Freizeitpark-Mentalität" der Deutschen bemängelt, wird nicht umhin kommen, die Prozesse zu studieren, die zu dem gegenwärtigen Bewußtsein unserer Gesellschaft geführt haben.

Die Lage in Deutschland ist allerdings hochdramatisch. Unter dem Diktat von Maastricht sind wir dabei, alles zu zerstören, was wir in den letzten hundert Jahren an sozialen und in den letzten fünfzig Jahren an wirtschaftlichen Möglichkeiten geschaffen haben. Deutschland schrumpft demographisch gesehen, und wenn wir so weitermachen, dann werden wir auch bald geistig irrelevant sein. Unsere Grundlagenforschung haben wir weitgehend abgebaut, und unsere Avangardetechnologien, die zu Exportschlagern hätten werden können, "entsorgen" wir statt dessen. Der in Jülich entwickelte, inhärent sichere Hochtemperaturreaktor, das Kernreaktormodell der Zukunft, wird gegenwärtig nur noch in China weitergebaut.

Falls es spätere Historiker geben wird, die auf die deutsche Geschichte blicken, so werden sie sicher meinen, die Deutschen seien schon ein merkwürdiges Volk gewesen. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hätten sie sich zu zwei Weltkriegen verleiten lassen, in denen es unter anderem darum ging zu verhindern, daß deutsche Wissenschaft und Technologie zum Motor für die Entwicklung Eurasiens werden könnte. Und als sich dann gegen Ende des Jahrhunderts die Chance ergab, das Ost-West-Verhältnis auf eine völlig neue Basis der Kooperation zu stellen, da zogen es die Verantwortlichen vor, im Sandkasten Fußball zu spielen und sich dabei auch noch eine Reihe von Eigentoren zu verpassen.

Zum Glück ist es jetzt dem US-Sicherheitsberater Anthony Lake bei seiner China-Reise gelungen, im Auftrag von Präsident Clinton das Verhältnis zwischen den USA und China qualitativ entscheidend zu verbessern und umfangreiche Kooperation zu vereinbaren. Damit hat sich Clinton nicht nur eindeutig für die bessere Alternative entschieden, die bei der Konferenz in Beijing auf den Tisch gelegt worden ist, nämlich die Unterstützung der Entwicklung der Landbrücke durch die USA. Die Botschaft der amerikanischen Regierung an die Adresse der Briten und deren Politik der Spaltung Chinas ist ebenso deutlich. Damit ist die Welt einen entscheidenden Schritt näher an die Möglichkeit der überwindung der Krise herangerückt.

Die Wurzeln der Misere untersuchen

Es ist höchste Zeit, daß wir in Deutschland aufwachen. Auch wenn sieben Jahre und viele industrielle Kapazitäten verloren worden sind, so ist es heute dringender denn je, das Programm des "Produktiven Dreiecks Paris-Berlin-Wien" aufzugreifen und mit den Anstrengungen Chinas und anderer Länder Süd- und Zentralasiens zum Ausbau der neuen Seidenstraße zu verbinden. In einer solchen Kooperation liegt der einzige Weg, wie die Krise in Rußland überwunden werden kann und wir die Kinderkrankheit der Menschheit namens Geopolitik hinter uns lassen.

Für diejenigen, die sich um die Menschenrechte Gedanken machen, nur dies. Gegenwärtig sterben an Hunger und Krankheiten pro Tag 50<\!q>000 Kinder, die durch ökonomische Entwicklung gerettet werden könnten. In Rußland hat der wirtschaftliche Kollaps zur Folge, daß die russische Bevölkerung in den letzten vier Jahren jedes Jahr um eine Million Menschen abgenommen hat. In China gibt es rund zweihundert Millionen arbeitslose Landarbeiter und eine noch größere Anzahl in großer Armut lebender Menschen auf dem Land. Für alle diese Menschen liegt in der wirtschaftlichen Entwicklung, wie sie jetzt von China angestrebt wird, die einzige Chance, ihre Menschenrechte, die nicht zuletzt in menschenwürdigen Lebensbedingungen und der Realisierung ihrer menschlichen Fähigkeiten bestehen, zu verwirklichen.

Wir werden in Deutschland nicht darum herumkommen, die Wurzeln für unseren gegenwärtigen desolaten Zustand zu untersuchen. Wir müssen erkennen, daß sich die Axiome des Denkens, die sich seit der Ausbreitung der Rock-Drogen-Sex-Gegenkultur, seit der 68er Revolte und seit den Brandtschen Erziehungsreformen im Denken eines Großteils der Bevölkerung festgesetzt haben, einfach als falsch erwiesen haben. Sie haben sich als ungeeignet erwiesen, die Realität richtig zu erkennen. Sie haben keinen größeren historischen Wert als die Axiome anderer, untergegangener Kulturen, und wir haben lediglich die Wahl, sie durch andere, bessere zu ersetzen oder die Erinnerung an Deutschland den Museen anderer Länder zu überlassen.

Wenn wir uns auf unsere wirkliche Identität besinnen, gibt es keinen Grund, warum wir nicht das Volk der Dichter und Denker sein können. Nikolaus von Kues wüßte heute, wie man eine Friedensordnung für die Völkergemeinschaft zu entwerfen hätte, und Gottfried Leibniz sähe den Moment für seine zivilisationsverbindenden Pläne gekommen. Friedrich Schiller wäre begeistert über die historischen Sternstunden der Menschheit, die potentiell so nahe sind. Wilhelm von Humboldt wüßte genau, was er für die universelle Bildung der Jugend entwerfen müßte, und der Freiherr vom Stein wüßte, mit welchen Kräften in den USA, Rußland und China er das deutsche Schicksal verknüpfen müßte. Es ist nicht unmöglich, dieses Wissen heute zu haben und auf seiner Basis zu handeln!

Helga Zepp-LaRouche, Juli 1996


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