Während deutsche Bundesbürger in bisher ungekanntem Ausmaß ihre Ersparnisse der weltweiten Aktienmarktblase anvertrauen, sind sich Insider des europäischen Bankengeschäfts längst darüber im klaren, daß ein baldiger Zusammenbruch des "irrationalen Überschwangs" an den Finanzmärkten unausweichlich ist. Nur der Zeitpunkt dieses Kollapses steht noch zur Diskussion. Weitgehende Einigkeit herrscht darüber, daß es schon im August zu einer Reihe "finanzieller Erdbeben" auf den weltweiten Märkten kommen wird. Diese könnten entweder schon im September/Oktober zur Implosion des Weltfinanzsystems führen - etwa nach einer Anhebung der US-Zinsraten seitens der Federal Reserve - oder eine bis ins Jahr 1998 hineinreichende Periode fieberhafter Instabilität einleiten.
Die Euphorie nährt sich selbst. Solange dem kleinen Investor mit immer größerem Werbeaufwand vorgegaukelt werden kann, daß aufgrund von Faktoren wie "Globalisierung" und "Deregulierung" jetzt ein paradiesisches Zeitalter angebrochen sei, bei dem die Bewertungen von Aktien und anderen Finanztiteln ständig weiter in die Höhe schnellen, strömt noch mehr Liquidität in die Märkte und treibt die Kurse hoch. Allein im ersten Halbjahr 1997 stiegen die Aktienkurse an den wichtigsten westeuropäischen Börsen um 30% bis 40%, wobei Zürich mit +42,6% den Vogel abschoß. Auch in Frankfurt (+31,1%), Madrid (+33,6%), Amsterdam (+32,9%), Mailand (+25,3%) und Paris (23,4%) nahm der rauschartige Kursanstieg Dimensionen an, wie sie zuletzt in den Jahren 1985 und 1986, vor dem Oktobercrash von 1987, zu bestaunen waren. Doch diesmal steht weit Schlimmeres bevor als vor zehn Jahren.
Im Rahmen eines globalen Krisenmanagements einigten sich die führenden Zentralbanken der Welt darauf, weltweit die Zinsraten, zu denen sich Banken bei ihren Zentralbanken Liquidität beschaffen, auf ein absolut rekordtiefes Niveau herabzusenken. Der Einsatz dieser Liquidität auf höherverzinsten Märkten sollte den maroden Banken, in Japan und anderswo, risikolose Gewinne bescheren und damit einen allgemeinen Bankenzusammenbruch verhindern. Zugleich richteten die USA einen Fonds in Höhe von sage und schreibe 500 Mrd. Dollar ein, aus dem sich japanische Banken und Versicherungen im Notfall bedienen durften, damit sie niemals aufhören würden, US-Staatsanleihen zu kaufen.
Seit nunmehr zwei Jahren hält diese "Anabolika"-Behandlung der Weltfinanzmärkte an. Doch immer häufiger enthüllen sich die Doping-Muskelpakete als bloße Luftblasen, die mit großem Getöse platzen. Die Zentralbanken stehen vor einem unlösbaren Dilemma. Sie wissen zwar, daß die Nebenwirkungen ihrer Heilmethode den Patienten über kurz oder lang umbringen werden. Aber jeder "Entzug" oder auch nur eine Senkung der verabreichten Dosis hätte den sofortigen Kollaps zur Folge.
Anfang Juli sah sich die thailändische Regierung nach längerem Abwehrkampf gegen internationale Devisenspekulanten gezwungen, ihre Währung vom Dollar abzukoppeln und eine Abwertung des Baht um 15% zuzulassen. Wenige Tage später mußten auch die Philippinen den Kurs ihres Peso infolge immer stärkerer spekulativer Attacken freigeben. Auch in Malaysia und Indonesien standen die Währungen unter großem Druck, und selbst Taiwan, Südkorea und Singapur blieben nicht verschont. Laut dem Chefökonomen der Deutschen Bank in Asien, Kenneth Courtis, handelt es sich bei diesem südostasiatischen Währungskrieg lediglich um die "ersten Knaller vor dem großen Feuerwerk".
Zeitgleich mit den Ereignissen an der Währungsfront erleben gerade die einstigen Musterknaben unter den emerging markets eine Austrocknung oder sogar Umkehrung der in den vergangenen Jahren so reichlich geflossenen Kapitalströme ausländischer Fonds. Die Zahlungsbilanzschwierigkeiten werden immer größer, während die geplatzten Blasen an den Immobilienmärkten gewaltige Berge fauler Schulden hinterlassen. Allein im Falle Thailands wird das Volumen der notleidenden Kredite auf 36 Mrd. Dollar geschätzt. Es kursieren Schätzungen, nach denen die Rettung des Bankensektors insgesamt Steuergelder in Höhe von 15% des Bruttosozialproduktes des Landes verschlingen wird. Schon in den kommenden Monaten könnte Thailand bei der Bedienung seiner internationalen Zahlungsverpflichtungen in Verzug geraten. Die Auslandsschulden betragen knapp 100 Mrd. Dollar, von denen etwa 40% auf japanische Gläubigerbanken entfallen. Dabei ist der überwiegende Teil der Auslandsschulden kurzfristiger Natur. Die enge Zusammenarbeit der Bank von Japan beim südostasiatischen Krisenmanagement und bei der Schnürung von Rettungspaketen für Thailand hat denn auch den offenbaren Hintergrund, daß die japanischen Banken einen Kollaps ihrer thailändischen Schuldner nicht überstehen würden.
Während nun allerorten das Wort von einem "neuen Mexiko" in Südostasien die Runde macht, breiten sich ähnliche Krisen zugleich in Iberoamerika und Osteuropa aus. Mitte Juli führte die Angst vor neuen Währungskrisen zu Schockwellen an allen Aktienmärkten Südamerikas, wobei der brasilianische Index innerhalb von drei Tagen etwa 15% seines Wertes einbüßte. In einem am 12. Juli vorgelegten Bericht über die wirtschaftliche Situation in Osteuropa warnte das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) angesichts wachsender Zahlungsbilanzprobleme vor dem Ausbruch von Währungskrisen in Polen, Slowenien, Kroatien und Ungarn, spätestens im Jahre 1998. Am schlimmsten sei die Lage in der Slowakei, wo sogar akut mit einem Kursverfall der Krone um 15% bis 20% gerechnet werden müsse. Nur drei Tage später erlebte der polnische Zloty seinen schlimmsten Absturz aller Zeiten, das heißt um 4% innerhalb eines Tages. Seither hat sich die wirtschaftliche Situation in Polen und Tschechien durch die Flutkatastrophe dramatisch verschlimmert.
Ein weiterer Schwerpunkt der G-30-Empfehlungen ist der Ruf nach verbindlichen, internationalen Verträgen, wie im Falle des Bankrotts weltweit tätiger Unternehmen zu verfahren ist. Zusammenfassend heißt es in der G-30-Studie: "Die Aufgabe muß darin bestehen, das systemische Risiko zu eliminieren - die Ausarbeitung eines internationalen Finanzsystems, das in der Lage ist, Schocks zu widerstehen, ohne daß sich Zusammenbrüche kaskadenartig durch das System ausbreiten."
1. Solange die Regierungen an den politischen Spielregeln oder Axiomen des bestehenden internationalen Währungs- und Finanzsystems festhalten, ist der sich beschleunigende Zusammenbruch dieses Systems unvermeidlich.
2. Der einzige Vergleichsfall aus dem 20. Jahrhundert, der als Annäherung an den gegenwärtigen Prozeß des Weltwährungs- und Finanzsystems betrachtet werden kann, ist der Währungs- und Finanzzusammenbruch der Weimarer Republik in den Jahren 1922-23. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Weimar 1922-23 und der globalen Situation der Jahre 1986-96: nämlich den Umstand, daß damals mit den Vereinigten Staaten eine starke Gläubigernation vorhanden war, die mit dem Dawes-Plan zu einer finanziellen Gesundung beitragen konnte. Ein vergleichbarer lender of last resort für das globale Finanzsystem von heute existiert nicht.
3. Es gibt keine Möglichkeit, den allgemeinen finanziellen Kollaps, sowie die nachfolgende Desintegration des globalen Währungs- und Finanzsystems, aufzuhalten, solange nicht das System des Internationalen Währungsfonds und der Zentralbanken aller führenden Wirtschaftsnationen von den entsprechenden Regierungen einer Reorganisation unterworfen werden. Jeder Versuch einer Reform des IWF, die nicht mit den vorherrschenden Grundprinzipien bricht, würde die Lage nur verschlimmern.
4. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurde den Bevölkerungen vorgegaukelt, die traditionelle Wirtschaftspolitik müsse zugunsten zweifelhafter Utopien wie einer "nachindustriellen Gesellschaft" oder Alvin Tofflers "Dritter Welle" aufgegeben werden. Ein wirtschaftlicher Neubeginn kann nur erfolgreich sein, wenn die damit einhergegangenen Verirrungen von Regierungen und breiter Teile der Bevölkerung auch als solche erkannt werden.
5. Hier ist zu beachten, daß die weltweite Durchsetzung der Axiome einer "nachindustriellen Gesellschaft" in mehreren Schüben erfolgte, darunter der Ölpreisschwindel in den 70er Jahren, die Hochzinspolitik von Paul Volcker in den frühen 80er Jahren und die finanzielle Deregulierung, die schließlich zur Entstehung der gegenwärtigen Spekulationsblase führte.
6. Das Resultat dieser Politik kann symptomatisch an den immer kleineren Bruchteilen der täglichen Finanztransaktionen abgelesen werden, die noch in irgendeiner Weise mit dem Handel von Gütern in Beziehung stehen. Seit 1983 sehen wir, daß im weltweiten Maßstab der Ausstoß von Gütern pro Person, pro Haushalt oder pro genutzter Landfläche sinkt, während nominelle Finanzwerte rasant ansteigen. Das fortgesetzte Wachstum dieser Finanzblase ist nur unter Aufzehrung der schrumpfenden Realwirtschaft möglich, von der die Existenz von Nationen und ihrer Bevölkerungen abhängt. Es ist daher zutreffend, die gegenwärtige Phase als eine krebsartige Erkrankung der Weltwirtschaft zu bezeichnen.
7. Die Reorganisation, bzw. das Konkursverfahren für die globalen Währungs- und Finanzinstitutionen, muß mit einer Reihe positiver Maßnahmen einhergehen, die aufgrund der Gesetzeslage in den verschiedenen Nationen geringfügige Unterschiede aufweisen können. Im Falle der USA muß es folgende Schritte beinhalten:
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