STRATEGIC ALERT

Deutsche Ausgabe

Vol. 15, Nr. 44 , 1. November 2001


Die Überschriften diese Woche:

Der seltsame Krieg
Amerikas Realwirtschaft im freien Fall

Asien und Europa "am Rande" der Depression
Geldmenge steigt weltweit steil an
Sind Syrien und der Irak die nächsten Ziele?
Eine "Putin-Doktrin" für internationale Beziehungen?
Bin Ladens Leute im Kosovo und in Mazedonien

Der seltsame Krieg

Der Krieg der USA und Großbritanniens in Afghanistan geht nunmehr in seine vierte Woche, und so gut wie nichts läuft "nach Plan". Weder wurde Osama Bin Laden gefangengenommen oder getötet noch ist das Taliban-Regime gestürzt - doch selbst wenn diese Ziele verwirklicht würden, bliebe Afghanistan für die USA militärisch und politisch eine Sackgasse. Erstaunt nahm die Weltöffentlichkeit am 25.10. den Auftritt von Admiral John Stufflebeam auf einer Pressekonferenz im Pentagon zur Kenntnis, wo der Stellv. Operationsleiter des US-Generalstabs erklärte: "Sie [die Taliban] haben sich als harte Kämpfer erwiesen. Ich bin etwas überrascht, wie hartnäckig sie an der Macht festhalten."

Am gleichen Tag wurde Verteidigungsminister Donald Rumsfeld von der Tageszeitung USA Today gefragt, ob man Bin Laden "tot oder lebendig" fangen werde. Rumsfeld antwortete: "Nun ja, das ist sehr schwierig. Die Welt ist groß. Es gibt viele Länder. Er hat viel Geld, er hat viele Unterstützer, und ich weiß einfach nicht, ob wir Erfolg haben werden... Meine Haltung ist: wenn er morgen nicht mehr da wäre, würde das gleiche Problem immer noch existieren", weil Bin Ladens Netzwerk so groß sei. Und auf die Frage, ob seiner Meinung nach die Taliban nach mehrwöchigen Bombardierungen gestürzt würden, antwortete er: "Sind es wirklich schon mehrere Wochen? Schon so lange? Tatsächlich, drei Wochen! Ich bin wirklich überrascht. Ich dachte, es wären gerade mal zehn oder zwölf Tage, aber es sind schon drei Wochen. Ja, ich glaube, es wird ein Afghanistan nach den Taliban geben. Das ist leichter, als eine einzelne Person zu finden." Am nächsten Tag versuchte Rumsfeld, seine Äußerungen zu relativieren: "Es ist wohl so, daß ab und zu Dinge nicht ganz richtig aus meinem Mund herauskommen."

Die ausführlichste - und seltsamste - Schilderung des militärischen Morasts, in den sich die USA und Großbritannien hineinmanövriert haben, gab der Chef des britischen Verteidigungsstabes, Admiral Sir Michael Boyce, wie in der Financial Times vom 26.10. berichtet. Vor einer Karte Afghanistans gestikulierend, sagte Boyce: "Das ist anders als alles, was wir vorher getan haben. Wir sollten sie nicht denken lassen, daß wir einfach so aufgeben und weggehen oder nachlassen werden. Wir müssen uns eine Position bringen, wo sie sich unterdrückt fühlen und sich immer weiter unterdrückt fühlen, so lange, bis sie sich an anständige Verhaltensmaßstäbe anpassen... Wenn man in diesem Land [Afghanistan] ist, wird man jedesmal, wenn man aus seinem Fenster schaut, Beweise dafür sehen, daß man im Mittelpunkt des internationalen Interesses steht, indem man ein Flugzeug am Himmel sieht, und wenn man ein guter Mensch ist, bekommt man metaphorisch ein Nahrungsmittelpaket, und wenn man ein schlechter Mensch ist, bekommt man eine Bombe."

Boyce bezog sich dann auf wachsenden Unmut und Kritik gegenüber der anglo-amerikanischen Art der Kriegführung: "Die Leute sagen: ,Wie kommen Sie voran?', ,Was erreichen Sie?', ,Können Sie es nicht schneller machen?'" Aber "es ist offensichtlich begrenzt, was das Militär in einem Land tun kann, das für Militäroperationen so schwierig ist wie Afghanistan... Es ist anders als im Kosovo. Es ist anders als bei ,Operation Wüstensturm', wo es sehr klar definierte Phasen und relativ eindeutige Ziele gab."

Am 27.10. erklärte Lyndon LaRouche, die ihr zugrundeliegenden Axiome verurteilten die US-Militäroperation in Afghanistan zum Scheitern. Es gebe zu viele Illusionen über eine "clevere Umsetzung" einer erbärmlichen, undurchführbaren Politik - eine vom britischen "Großen Spiel" abgeleitete Politik. Man dürfe keine Mittel mehr in ein verlorenes Unternehmen stecken. Wenn die Bush-Administration weiter in eine verlorene Sache investiere, werde das die Probleme nur vermehren. Jemand müsse Präsident George W. Bush klipp und klar sagen, daß der Krieg in Afghanistan auf einer Selbsttäuschung basiere und nicht gut enden könne.

Man brauche schnellstens eine alternative Politik gegenüber den Taliban, so LaRouche. Man sollte die Politik einfach ändern, ohne große Erklärungen, die positiven Resultate sprächen dann schon für sich. Es existiere eine alternative Politik, die funktionieren kann: die Rauschgiftoperationen der Taliban beenden und ihr Einkommen aus dem Drogenhandel austrocknen. Gleichzeitig müsse man die massiven internationalen Ströme der illegalen Geldwäsche rücksichtslos zerstören. Das werde nicht nur die Terrorkapazitäten der Taliban massiv verringern.

Amerikas Realwirtschaft im freien Fall

In den letzten Wochen zogen die Aktienmärkte insbesondere "Kleinanleger" an, die auf eine kurzfristige Erholung der US-Wirtschaft vielleicht im ersten oder zweiten Quartal 2002 setzen. Gleichzeitig zeigen alle verfügbaren Indikatoren, daß die US-Wirtschaft entgegen diesem Wunschdenken tiefer in die erste echte Depression seit den 30er Jahren versinkt.

Wie die Federal Reserve am 16.10. berichtete, fiel die US-Industrieproduktion im September schon den zwölften Monat in Folge; das ist der längste Niedergang seit 1945 (siehe auch WI 43/2001). Da die Neuaufträge für die Industrie weiter nachgeben, ist ein weiterer Abfall der Industrieproduktion vorprogrammiert. Nach Angaben des Handelsministeriums sanken die Neuaufträge für langlebige Industriegüter im September gegenüber dem Vormonat um 8,5%. Zum ersten Mal seit neun Jahren fielen die Aufträge für langlebige Güter vier Monate lang hintereinander. Im Vergleich zum Vorjahresmonat gab es 12,8% weniger an solchen Aufträgen.

Der Einbruch der Neuaufträge für zivile Flugzeuge und Flugzeugteile um 46,6% war nach dem 11.9. kaum überraschend. Aber der Rückgang der Neuaufträge im Automobilbau (-15,1%), Maschinenbau (-4,9%) sowie im Computer- und Elektronikbereich (-9,1%) läßt sich nicht mit den Anschlägen erklären. Derweil geht die Implosion im sog. "High-Tech-Sektor" weiter. Zusätzlich zu dem dramatischen Rückgang der letzten zwölf Monate fielen die Neuaufträge für Telekomausrüstung im September gegenüber dem Vormonat um weitere 39,7%.

Je mehr die Produktion einbricht, desto schneller wächst die Arbeitslosigkeit. Im September stieg die offizielle Zahl auf 7,01 Millionen. Seit Juli 2000 gingen im Produzierenden Gewerbe der USA 1,105 Mio. Arbeitsplätze verloren. In der 42. KW stieg die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung in den USA auf 504000. Der Durchschnitt der vergangenen vier Wochen war mit 505000 der höchste seit über zehn Jahren. Die längerfristigen Ansprüche auf staatliche Arbeitslosenhilfe stiegen in der 41. KW Woche auf 3,65 Millionen, das höchste Niveau seit 18 Jahren. Nach Angaben des Conference Board sank die Zahl der freien Stellen landesweit auf den niedrigsten Stand seit Februar 1982.


Washington Insider 44/2001

WASHINGTON INSIDER

Deutsche Ausgabe

Vol. 11, Nr.44 , 1. November 2001


Die Überschriften diese Woche:

Die Rückkehr der "Kriegsanleihen".
LaRouche kommentiert die "Sucker's Rally" an der Wall Street.
Enrons Marktwert verdunstet.
Unocal und die Taliban.
Erinnern Sie sich noch an das D.C. General Hospital?
Republikanischer Abgeordneter fordert Atomschläge gegen Afghanistan.

Die Rückkehr der "Kriegsanleihen".

Wie die US-Wirtschaft immer schneller in eine Depression rutscht, so schwinden auch die Steuereinnahmen der Regierung. Gleichzeitig plant Bush ein 70- bis 100-Mrd.$-"Konjunkturprogramm", das vor allem aus Steuersenkungen besteht - zusätzlich zu den schon im Mai verabschiedeten Steuersenkungen von fast 100 Mrd.$. Hinzu kommen die ca. 60 Mrd.$, die seit dem 11.9. für die Luftfahrtindustrie, den Wiederaufbau in New York, Programme zur schnellen Aufrüstung und teure "Anti-Terror-Programme" der Sicherheitskräfte und Geheimdienste bewilligt wurden. Die Summe dieser Welle öffentlicher Ausgaben ist gewaltig.

Gab es im Frühjahr noch Phantasien über "gigantische Haushaltsüberschüsse", so gibt es nun deutliche Anzeichen von Ratlosigkeit der Regierung angesichts des wachsenden Haushaltsdefizits. Allein bei Anleihenversteigerung des Finanzministeriums am 24.10. wurden 2-jährige Regierungsanleihen im Wert von 19 Mrd.$ verkauft - ein historischer Rekord. Nun erschloß das Repräsentantenhaus der Regierung eine weitere Finanzquelle: Kriegsanleihen, das erste Mal seit Ende des zweiten Weltkriegs. Das am 24.10. verabschiedete Gesetz erlaubt der Regierung, Kriegsanleihen aufzulegen, in der Hoffnung, daß patriotische Amerikaner diese emotionsbeladenen Papiere selbst dann kaufen werden, wenn sie weit weniger Rendite bringen als gewöhnliche Regierungsanleihen. Der Abg. Sweeny (R-New York) sagte: "Wir müssen konstruktive Wege finden, wie das amerikanische Volk sich beteiligen kann. Dies ist einer von ihnen."

Zwischen 1941 und 1945 - in einem wirklichen Krieg mit einer wirklichen Kriegsmobilisierung der Produktion - kauften ca. 85 Mio. Amerikaner Kriegsanleihen im Wert von 186 Mrd.$. Das Gesetz wird nun dem Senat zugeleitet, dessen Zustimmung als sicher gilt. Das Finanzministerium rühmte die "patriotische Absicht" der Initiative für die "Kriegsanleihen", fügte jedoch hinzu, die Amerikaner könnten die Wirtschaft auch unterstützen, indem sie mehr konsumierten.